Spurensuche

Auf den Spuren unseres Vaters, Schwieger-, Groß- und Urgroßvaters

Wir waren - nach 62 Jahren - unterwegs auf den Spuren unseres Vaters, Schwiegervaters und Großvaters, Dr. Erich Buchholz (1894 - 1945), von Anfang April bis Mitte September 1945, geleitet von seinen in dieser Zeit gemachten Tagebuchaufzeichnungen:
- ab 31. März: Oderfront von Frankfurt/Oder bis Märkisch-Buchholz - am 2. Mai: Gefangennahme im Raum Jüterbog - Marsch der Gefangenen ins Lager Elsterhorst (heute Nardt) bei Hoyerswerda - Ende September Elendstransport ins Lager Sagan/Zagan (Niederschlesien/Polen) - unter dem Datum vom 5. Oktober 1945 im Tagebuch von fremder Hand eingetragen: „Um 7 Uhr im Lazarett Sagan sanft entschlafen….“ Am 18. Dezember 1945 gelangte das Tagebüchlein durch einen Kameraden in die Hände unserer Familie.

 

Tagebuchaufzeichnungen

von Dr. Erich Buchholz
vom 26. März bis zum 21. September 1945

 

mit einem Vorwort seiner Tochter

Erika Raudszus, geb. Buchholz


"Über 60 Jahre sind vergangen seit jenem dunklen 18. Dezember 1945, an dem uns die Nachricht vom Tod unseres Vaters erreichte. Nun habe ich, seine inzwischen selbst alt gewordene Tochter, mich an die Abschrift seiner Aufzeichnungen von Ende März bis Mitte September 1945 gemacht. Ich möchte sie für meine Geschwister und auch für die nachfolgende Generation lesbar machen, ehe die mit winzigster, nur mit Hilfe einer Lupe lesbarer Schrift gefüllten Seiten ganz verblasst sind. Für uns erschütternd das Chaos der letzten Apriltage an der Oderfront: aus heutiger Sicht und Kenntnis kaum noch nachvollziehbar, dass es in dieser Zeit immer noch Äußerungen von Hoffnung gibt. Welches Verbrechen an dem Vertrauen Tausender. Objektiv gesehen sind die Leiden dieser 157tägigen Gefangenschaft unseres Vaters nicht vergleichbar mit dem, was andere bis zu einem Jahrzehnt in Sibirien - oder auch in Konzentrationslagern - erdulden mussten - wenn sie es denn überlebt haben. Aber „subjektiv gesehen“ ist es eben das Leiden unseres Vaters, und die Arbeit der Abschrift war mir eigentlich nur möglich aus dem Abstand der inzwischen vergangenen Jahrzehnte und aus der Geborgenheit meiner eigenen Familiensituation heraus.

 

So gebe ich nun diese Tagebuchaufzeichnungen in die Hände meiner drei Brüder mit dem Wunsch, dass sie helfen, das Andenken des Vaters lebendig zu halten und vielleicht auch den Enkeln und Urenkeln diesen unbekannten Großvater bzw. Urgroßvater nahe zu bringen."

Montag, 26. März 1945 (noch in Stettin)
Verbleib im Fliednerkrankenhaus. Große Freude bei allen. Dicker, gehaltvoller Gemüseeintopf. Nachmittags Hilse und ich nach Wilhelmshöhe. Alle anderen Beigeordneten zu Bohnenkaffee und Karl-Martell-Zigarren. Anruf: Einsatz in Frankfurt/O. Sofort zurück. Viel zu früh. Mit Wiese, Dohning, Warncke zum Ersatzpostamt Lindenhof. Brief von Fiedelchen (Ehefrau Friedel) vom 19. März. Nach Hause, Paket gepackt, besorgt. Dann Abschied von Stettin. Wie werde ich alles wieder finden? - Kameradschaftsabend 1. und 4. Bataillon. Essen, Wein, Fliegeralarm. Essenausgabe bei der 3. Batterie. Bratkartoffeln und Steaks. 2 Uhr ins Bett.

Mittwoch, 28. März und Donnerstag, 29. März 1945
4 Uhr Wecken. Geschirr bereits verladen. Marsch- und Sturmgepäck. Abfahrt 8 Uhr. Langsam, mit viel Halt, nach Berlin. Hirse aus der Feldküche. Abends Berlin-Blankenburg. Fernsprechverkehr gesperrt. Warten. Feierabendarbeit in den Laubengärten. Vollmond. Frühjahrsbeginn. Sonst wäre heute Reisetag nach Gunsleben. Gegen 1 Uhr endlich weiter. Fürstenwalde. Frankfurt/O. bei Morgengrauen. Entladung der anderen Abteilung. Kommandantur. Feldzeugmeister. Kaserne mäßig. Abends Meldung bei Generalkommandeur. Oberst Reinke. Gefechtslage: Russe nördlich von Lebus und südlich Eichwalde über die Oder. Gefahr der Einschließung.

Freitag, 30. März 1945 (Karfreitag ) und Sonnabend, 31. März
Trübe, regnerisch....und ich zu einer Mörserbatterie. Einkauf. Kurze Fahrt durch Frankfurt. Nachmittags auf 5. Abteilung. Goten, Schultheiß. Niederschmetternder OKW-Bericht: Marburg, Bad Wildungen. Ein paar Takte aus der Matthäus-Passion: „Blute nur...“ - einst und jetzt! Kreuzigung des deutschen Volkes? Ostern? Auferstehungstag? Feuerstellung in Kliestow. Bau der Geschützstände. Ostern? Kinderlein? Fiedelchen? Ist Klein-Annefriedel* schon da? Küstrin gefallen! Panzer in Bebra und Fulda. Wie will Hitler das nur alles wieder gerade biegen? Können wir überhaupt noch? Dann wird es allerhöchste Zeit! Oder blufft er? Das wäre unverantwortlich! Staatsverbrechen, Hochverrat. - Gärten wie in Gunsleben: Stachelbeerbüsche, Rhabarber. Mein Garten! Zum Schreiben keine Zeit. Viele Gedanken
*Annefriedel wurde am 2. April als dritter Sohn Hannfried in Gunsleben geboren.

Sonntag, 1. April 1945 (Ostersonntag)
Das schwerste aller Osterfeste! Ausbau der Stellung. Hauptmann Warnecke zum „rechten Nachbar“ 30 bis 40 km weiter südlich, außerhalb der Festung Frankfurt. Schmerzlicher OKW-Bericht*: Münster! Immer noch Hoffnung! Aber verteufelte Stimmung. Der letzte Schnaps. Störungsfeuer. Osterkuchen, Bohnenkaffee. Keine Post mehr. Die letzte Flasche Rotwein aus dem „Preußenhof“.
*OKW = Oberkommando der Wehrmacht

Montag, 2. April 1945 (Ostermontag)
Heute keine Klärung der Lage. Hornkaserne Frankfurt. Stürmisch. Briefe geschrieben. Faust. OKW-Bericht niederschmetternd - wie soll das bloß alles enden? Am Himmel der Große Bär - voller Friede und Klarheit....

Dienstag, 3. April 1945
Nachts lebhafte Flieger- und Artillerietätigkeit. Warten den ganzen Tag auf Abmarschbefehl - vergeblich! Briefe. Tagebuch. Schreibstube: Schokoladenpudding, Zigarre. Im Westen der Werwolf - der soll es nun machen. Heller Wahnsinn - Franktiereurkrieg. Bei uns Feind ruhig. Ruhe vor dem Sturm?

Mittwoch, 4. April 1945
Vormittags immer noch kein Abmarschbefehl. Schreibstube. Kuchen. Pudding, 15.15 Uhr Warnecke zurück: neue Feuerstellung in der rechten Nachbardivision. OKW-Bericht: Rheine, Osnabrück! Ist denn alles, was vom Gegenschlag gesagt wurde, nur Propaganda? Lug und Trug? Es scheint fast so! Sonst wäre es doch die letzte, allerhöchste Zeit!

Donnerstag, 5. April 1945
6.30 Uhr rückt Vorkommando ab. Ich habe bis zum Nachmittag Ruhe. Geschrieben, gepackt. Hornkaserne. Durch Frankfurt. 18 Uhr wieder in Kliestow. Immer noch keine Befehle. Kartoffelpuffer in der Schreibstube. Dann schöner Frühlingsabend. Gedanken an zuhause.

Freitag, 6. April 1945
1.50 Uhr Funkspruch: ab 8 Uhr marschbereit in Frankfurt beim K’deur. Nachmittags Fahrzeuge zum Abtransport bis Markendorf. Von da mit Pferdegespannen bis zum Vorwerk Malchow. Primitives Quartier. Feuerstellung 1 km entfernt. Nachts heftiges Feuer. Alarm.

Sonnabend, 7. April 1945
Letzte Fahrzeuge um Mitternacht. 1.30 Uhr wieder alles ruhig. Wunderbarer Sternenhimmel. Feuerstellungsausbau. Nach Lossow. Schöner Frühlingsmorgen. Zueignung zum „Faust“. Viele feindliche Aufklärer in der Luft. Die übrige Besatzung des Vorwerks. 14 Uhr OKW-Bericht: Hameln, Eisenach, Stolzenau, Terrorangriffe auf Leipzig, Gera, Halle. Gedrückte Stimmung. Feuerstellung der Nachbarbatterie. Warnecke muss eine neue für uns erkunden. Ich gehe in der Nachmittagssonne durch Wälder und Felder, erstes Birkengrün, klarer blauer Himmel....

Letzter Frühling? Bittere Gedanken.

Sonntag, 8. April 1945
Befehl zum Stellungswechsel. Frankfurt als Festung aufgegeben. Alles rückt weiter südlich. Warm. Die ersten Fahrzeuge rollen durch den Frühlingstag. Unverfälschter märkischer Sand. Kiefernwälder. Unterbringung bei Finkenheerd. Hier für ein bis zwei Tage Quartier. Schöne Häuser, schöne Gärten. Abends mit dem Rad zum Befehlsstab. Viel Fragen. Briefe. Warnecke muss sich letzte Nacht seine Zigarre persönlich abholen.

Montag, 9. April 1945
Aufbau der Lattungen. Einige leichte Bunker sind vorhanden. Grauer, grämlicher Apriltag. Nachmittags etwas wärmer. Niederschmetternder OKW-Bericht: Syke, Verden, westlich Hannover. Hildesheim. Klavier. Briefe.

Dienstag, 10. April 1945
Fortsetzung des Stellungsausbaues. Mittags zwei Geschütze feuerbereit. Nach sehr nebligem Morgen schöner, warmer Frühlingstag. Wir stehen sehr weit vorn. Die 9. Ladung fehlt. Ziemlich mit den französischen „Messieurs“ geschnauzt, obwohl sie sonst gut spuren. Göttingen verloren. Düstere Stimmung.

Mittwoch, 11. April 1945
Quartier nochmals im Dorf. Briefe. Post an Fiedelchen. Die Kinderlein! Klein-Annefriedel? (Hannfried, geb. am 2.April). Rechner und Zielplan. Panzertrupps, Panzerjagdkommandos. Mittags 1a Käsebrötchen. Feuerstellung. Was so ein Batterieoffizier alles zu tun hat. Der Feind nähert sich der Elbe. Hannover ist verloren.

Donnerstag, 12. April 1945
Furchtbare Tagesbilanz. Gibt es überhaupt noch eine Wende? Nachts kein Schlaf: was wird werden? Lieber Gott, steh meinen Lieben bei und verschone sie vor dem Allerschlimmsten! Braunschweig - beiderseits Braunschweigs. Zwischen 3 und 4 Uhr Sondermeldung: Roosevelt tot. Wird, kann uns das noch helfen? Unruhe. Gleichwohl noch Hoffnung. Glaube.

Freitag, 13. April 1945
Weiterer Stellungsausbau. Geschütz wieder feuerbereit. Aber immer noch keine Post von zuhause. Das bedrückt mich am meisten. OKW-Bericht: Feind dringt weiter nach Westen vor. Eisleben, Weißenfels, Jena. An der Oder noch Ruhe. Breslau hält sich noch.

Sonnabend, 14. April 1945
Viel Aufklärer in der Luft. Ruhe vor dem Sturm? Abends Zeitungen. Nichts mehr von den neuen Waffen, aber viel von den starken Herzen. Der Werwolf - soweit sind wir also! Trotzdem glauben, hoffen, aushalten, tapfer sein: der Sieg muss doch unser sein, das Reich muss uns doch bleiben. Alles andere unvorstellbar. Wir hoffen auf den Geburtstag des Führers. Erwartung eines Großangriffs  - alle Befehle lassen darauf schließen. Immer noch ohne Post. Nachts einige Feueraufträge. Bitter kalt.

Sonntag, 15. April 1945
Tag verläuft sehr ruhig. Feuerplan. Sonntag Nachmittag zu Hause! Schießauftrag für die Batterie. Warnecke zur HKL (Hauptkampflinie). OKW-Bericht: Verden, Uelzen, Feind hat die Elbe südöstlich von Magdeburg erreicht. Ist hoffentlich für Gunsleben glimpflich abgelaufen! Bei Bernburg Saale überschritten. Vorfeld Leipzig und Chemnitz - das ist doch das Ende? Wo ist noch Rettung? Hoffnung?

Montag, 16. April 1945
Ab 4 Uhr heftiges Trommelfeuer links von uns. 4.30 Uhr ebenso heftig in unserem Abschnitt. Also greift der Russe an! Großkampf. Einschläge in die Stellung. Tote, Verwundete. Einschläge als starrer Feuerplan. Keine Klarheit über die Lage. Infanterie aus Finkenheerd. Ständig Panzergeräusch. Wir können bald nicht mehr schießen. Geringste Schussentfernung 1900 Meter.

Dienstag, 17. April 1945
Hauptkampflinie geräumt. A-Linie nur 700 m vor uns. Panzer und MG-Trupps. Rechte Flanke offen. Nahverteidigung. Gepäck gerüstet. Nachmittags Geschütze. Gesprengte Stellung geräumt. Ich mit 10 bis 12 Mann der Letzte. Vorplatz bei der Schreibstube. Wohin? Nach Müllrose? Zum Regiments-Gefechtsstand. Großer Stab. Divisionskommandeur von Roehn.

Mittwoch, 18. April 1945
Als Infanterie eingeteilt. Regiment Mitte. Uffz. Prohaska. Unsere Panzer machen Gegenangriff, aber erfolglos. Abends und nachts Abflauen des Feuers. Biwak. Morgens Graben bei Unterlindow besetzt. Aufleben des Gefechts. Russen in unserer alten Feuerstellung. Vorräte. Verlauf der vorderen Linie unsicher. Starkes MG- und Flak-Feuer.

Donnerstag. 19. April 1945
18 Uhr Befehl zum Absetzen. Alles Gepäck also verloren. Heftiger Feuerüberfall. Viel Staub. Nachtmarsch. Kaisermäßige Verpflegung. Beim Morgengrauen Stellung am Kanal. Grabenstück weiter rechts. Abends Rasieren. Warnecke zum Regiment. Leutnant Acker. Zwei Grabenpäckchen. Weiter absetzen?

Freitag, 20, April 1945
3 Uhr morgens Stellung geräumt. Marsch. Warten. Huth. 16 Uhr Sicherungsstellung in einem Waldstück. Nachtpatroullien. Endlich geregelter Versorgungsnachschub. Wie die Siouxindianer! Nachts in den Schlaflöchern sehr kalt. Am 20.4. Führers Geburtstag. Keine geschichtliche Wende. Enttäuschte Männer. Stellungswechsel am Abend. Zeitungen, Flugblätter. Immer noch reden sie vom Sieg!

Sonnabend, 21. April 1945
Vormittags nach Forsthaus Kallinenberg. Zwei Tage soll die Oderfront noch aushalten, dann sei alles geschafft. Neue Hoffnung. Aber unser Panzergegenangriff bei Fürstenwalde wird bereits in der Bereitstellung zerschlagen. Den Männern nichts davon gesagt, Gehört von diplomatischen Verhandlungen: Ribbentrop in London? Großer Wirrwarr drinnen und draußen. Botschaft des Führers: „Niemals wird Deutschland bolschewistisch! Berlin wird bis zum Äußersten verteidigt. Wien wird zurückerobert werden. Endsieg wird unser sein!“ Wende!

Sonntag, 22. April 1945 (Jubilate)
Kein Grund zum Jubel. Sehr kalte Nacht. Aprilwetter. Ständig Flieger, aber keine von uns. Wasser. Noch einen Graben zumachen. Alle Gedanken bei Fiedelchen und den Kinderlein. Nachts noch kälter als gestern. Ganz finster. Wir lassen eine Kompanie im Graben. Es soll nur ein Zug ablösen.

Montag, 23. April 1945
Kompaniegefechtsstand. Nachmittags Befehl zum Absetzen. Kein Regiment! Amerikaner und Engländer bleiben an der Elbe stehen. Das deutsche Westheer im Anmarsch! Die Russen-“Bombe“. Das ist die geschichtliche Wende, der Sieg, der Völkerfriede.

Dienstag, 24. April 1945
Freudigste Stimmung am Lagerfeuer und auf dem um Mitternacht beginnenden Nachtmarsch. Ragower Mühle, weiter, es wird Tag, endlose Kilometer. Beeskow Molkerei. Viele Tiefangriffe. 12 Uhr Rast im Walde. Verpflegung. Nachher Kampflärm. Wir müssen auf Umwegen zu unserem Einsatzort, kommen aber nicht mehr hin.

Mittwoch, 25. April 1945
Wieder endloser Marsch, Tiefangriffe. Und die Trecks von Frauen und Kindern - entsetzlich! Ob Fiedelchen (Ehefrau Friedel) auch? Die gestrige Meldung war eine Falschmeldung. Sehr niedergeschlagen. Eingekesselt? Gegen Abend auf Feldwegen nach Herzberg. Weiter nach Pfaffendorf, teilweise mit LKW. Dort um Mitternacht Regiment.

Donnerstag, 26. April 1945
Wir müssen Infanteristen bleiben. Weitermarsch nach Försterei Dahmsdorf. Flieger. Ratlosigkeit. Abends zurück nach Herzberg. Morgens am Scharmützelsee. Weiter Richtung Storkow. Hubertushöhe am Storkower See.

Freitag, 27. April 1945
Haus Einsiedeln. Köstliche Erd- und Himbeeren. Pellkartoffeln, Salz, Kaffee, Zigarren. Auf dem anderen Seeufer liegen die Russen. Feuerüberfall. Im Bett geschlafen! Der schöne See. Abmarsch nach Kehrigk. Viel Flieger, viel Feuer. Wo ist noch ein Loch? Eichengehölz. Alles geht rückwärts, nur der Volkssturm geht vorwärts.

Sonnabend, 28. April 1945
Der Haufen wird immer kleiner. Keine geregelte Verpflegung mehr. Nachts irgendwo Stellung. Regen, Kälte. Kein Mensch weiß, wo die HKL verläuft, sofern überhaupt noch eine da ist. Nachts zweite Stellung zur Sicherung des Ortes Eichholz. Mein Zug noch ganze 20 Mann. Morgens Kartoffelpuffer. Immer näher kommendes heftiges Feuer von allen Seiten. Gewehr, MG statt Granatwerfer. Flak - ganz schlimm. Leicht verwundet. Endlich gegen 20 Uhr Räumungsbefehl. Über die Felder nach Birkholz. Regen. Dreck.

Sonntag, 29. April 1945
Alle Straßen sind verstopft. In Märkisch-Buchholz ist die einzige Brücke nicht mehr frei. Endloses Warten. Und was geht an Vorräten alles verloren! Alle Behälter gefüllt. Arrak. Morgens Brücke in Märkisch-Buchholz gestürmt. Marsch im Walde. Ein wüster Haufen. Sind in Halbe. Immer diese Flieger! Endlose Wälder.

Montag, 30. April 1945
Rechts war die Autobahn nicht mehr zu überqueren. Vergeblich gestürmt. Beschämendes, erbärmliches, feiges Verhalten der meisten. Keine Zucht, keine Ordnung, Allgemeine Auflösung - das ist das schmähliche Ende des deutschen Heeres. Der für den 30. April angesetzte neue Sturm findet nicht mehr statt. Wilde Flucht, teils auf LKW, teils zu Fuß. Immer diese Flieger. Ratlosigkeit. Müde. Nach Baruth? Kommen nicht durch.

Dienstag, 1. Mai 1945
Wir kommen nach Forsthaus Wunder. Sind eingekesselt. Kein Loch mehr. Durchbruchsversuch. Oberst Hahn, Hauptmann Prawke übernimmt taktische Durchführung. 14 Uhr soll es losgehen. Stattdessen Angriff der Russen. Kein MG, keine schweren Waffen. Keine Leute für zu viele Verwundete. Endlich, um 19 Uhr, entschließt sich Prawke zum Abmarsch. Lange Kolonne. 21 Uhr bereits Halt. Russische Panzer versperren den Weg nach Kummersdorf. Langes Warten, feindliches Feuer immer näher. Was tun?

Mittwoch, 2. Mai: 1. Tag
Allein los, Richtung Südwest. Nicht mehr durchgekommen. Gegen Mittag in Lindow bei Jüterbog gefangen genommen. Aufnahme. Marsch der Gefangenen Richtung Baruth.

Donnerstag, 3. Mai: 2. Tag
Von Baruth endloser Marsch über Golßen, weiter Richtung Luckau. Kurz vor Luckau Halt in einer Scheune mit viel Stroh. Warme Kartoffeln.

Freitag, 4. Mai: 3. Tag
Marsch Richtung Lübbenau. In Groß-Beuchow Trennung der Offiziere und Mannschaften. Abschied von Huth, Ragatz. und Donath. Quartier auf Gutshof. Warmes Essen. 6 Offiziere.

Sonnabend, 5. Mai: 4. Tag
Marschverpflegung für drei Tage. Autobahn Richtung Cottbus. Immer diese Stiefel. Regen. Kühl. Ohne Quartier. Auf freiem Feld. Angenehm. Aber nach 2 km weiter im Dorf Autoverkauf, mit Serben, Ungarn. Leben erwacht. Warm gekocht, gebratenes Filet. Schön gesättigt. Aber weniger gut auf Liegestuhl geschlafen. Gewaschen, rasiert. Sind in Vetschau.

Sonntag, 6. Mai: 5. Tag
Trostloser Marsch durch Cottbus. Die Einwohner wissen auch nichts von Entwicklung der Dinge. Es wird ihnen fast alles weggenommen. Sagan? Senftenberg? Schlechtes Quartier in Klein Gaglow. Es geht mir schlecht in der Nacht.

Montag, 7. Mai: 6. Tag
Besserung des Befindens, kein Durchfall, kein Erbrechen mehr. Leidlich auf Matratze geschlafen Kühler Wind. Marsch durch Drebkau. In Senftenberg kein Lager. Weiter Richtung Hoyerswerda. Rast auf freiem Feld bei Flugplatz Bücher.

Dienstag, 8. Mai: 7. Tag
Nachts bitterkalt, sehr feucht und neblig in der Frühe. Entsetzlich gefroren. Dann schöner Maitag. Vorbei am Lautawerk. Ankunft im Lager Elsterhorst (heute Nardt) bei Hoyerswerda. Keine Verpflegung für Gruppe Litzky. Von nun an hinter Stacheldraht!

Mittwoch, 9. Mai: 8. Tag
Gewaschen, auch meine Wäsche. Schmierseife. Bei den Leuten vom Regiment Mitte vom Koch das letzte Stück Schinken, Ölsardinen. Ein paar Bratkartoffeln. Sonst nichts. Tagebuch. Niedergeschlagene Stimmung. Gepäckkontrolle beim Eingang ins Hauptlager. Vieles wird uns weggenommen, besonders, was einem Freude mache. Kein Brot, dünne Roggenmehlsuppe, aber gleichwohl zwei Schläge davon. Einquartierungsmaßnahmen.

Donnerstag, 10. Mai: Himmelfahrt - 9. Tag
Im großen Lager Gespräch mit OLt. Natho aus Burg bei Magdeburg, der mein Fiedelchen kennt. Warmer Tag. Ein Roggenmehlbrötchen, kein Brot. Graues Roggenmehl, morgens, mittags, abends, dazu Kaffee und Zucker. Geschlafen. Faust gelesen und gelernt. Katholisches Neues Testament.

Freitag, 11. bis Sonntag, 13. Mai: 10/11/12
Die gestrengen Herrn (Eisheiligen) bescheren uns sehr warme Tage, fast hundstagsmäßig. Eine Stunde Barackenwache gehabt. In der Nachbarbaracke endlich in der Ecke eingerichtet. Viel in Goethes Faust gelesen und auswendig gelernt. Sonst leider nur französische Bücher. Gestern mit OLt. Natho über Burg und mit Dr. Schulze-Helmholtz aus Oschersleben gesprochen. Vermutungen über unser Schicksal. Baldige Entlassung, wenigstens der Alten? Ungewisse Nachrichten über die letzten Ereignisse.
Die Zahl der Offiziere im Lager wird immer größer, abends beim Antreten an die 400. Es ist erschütternd, keiner ist durchgekommen. Heute viele Stabsoffiziere. Neuer russischer Lagerkommandant. Langes Antreten mit Übergabe an deutsche Lagerleitung. Oberst von Lucke. Essen immer noch grau in grau. Eintönige Tage. Gelesen. Gelernt, Einrichtung.

Montag, 14. Mai: 13. Tag
Plötzlich mittags Umzug in Baracke 30. Unvorstellbarer Dreck! Gereinigt. Verschlechterung. Stube 4. Goten, Taube Reinhold, Oberst Hallbauer, Hauptmann Sperling (weitere Namensaufzählung) Mein Bett im 3. Stock. Gewaschen.

Dienstag, 15. Mai: 14. Tag
Nacht unruhig. Wanzen. Viel Lauferei, Schreiberei. Immer noch sehr warm. Staubig. Strümpfe gestopft. Etwas gelesen. Gelegen. Faust gelernt. Sonst Stube. Gespräch über die Lage. Neue Ankömmlinge. Baracke wird immer voller.

Mittwoch. 16. Mai: 15. Tag
7 Uhr Entlausung. Entwanzung wäre wichtiger. Fürchterlich zerstochen. Jucken. Brennen. Brausebad bekömmlich. Mittags geschlafen. Französisch: Vorspiel auf dem Theater beendet. Neue Herren aus Dresden und Pirna. Aussichten. Das erste Brot. Diskussionen.

Donnerstag, 17. Mai: 16. Tag
Schlimme Nächte. Ganz böse zerstochen. Tagsüber geht es. Faust, Französisch. Immer noch Zuzug. Jede Stube mit 24 Mann. Sehr beengt. Verpflegung immer noch nicht besser.

Freitag, 18. Mai: 17. Tag
Der neue Lagerälteste, Oberfeldwebel Schmerl, macht allerhand Trödel gegen die Offiziere. Nachts vor Wanzen keinen Schlaf. Auf die Wiese. Aber Regen. Verschärfte Lagerordnung. Es ist eben alles verboten.

Sonnabend, 19. Mai: 18. Tag
8 Uhr Moskauer Zeit Zählung. Appell. Verpflegungsempfang. Seit gestern gruppenweise. Wieder schlaflose Nacht. Tagsüber darf man nicht mehr auf den Betten liegen. Großes Pfingstreinemachen. Faust, „Prolog im Himmel“ beendet. Französisch. Wieder 300 Gramm Brot. Mittags Erbsensuppe. Zwar schmackhaft, aber zu dünn und zu wenig. Alarm. Russische Kommission soll kommen. Kam aber nicht. Entwarnung.

Pfingstsonntag, 20. Mai: 19. Tag
Pfingsten – Einst! Heute! Etwas Regen. Aber doch trocken geblieben. Viel Staub. Draußen unerträglich. 24 000 Mann im Lager, darunter 400 Offiziere. Ameisenhaufen. Leider kein Pfingstbrief von oder an mein Fiedelchen. Gedanken.

Pfingstmontag, 21. Mai: 20. Tag
Schlechtes, dürftiges Essen 300 Gramm Brot. Wenig pfingstlich. Zugang von 500 Offizieren. Betten für sie gebaut. Den ganzen Tag gehämmert und geklopft, Endlich abends etwas ruhiger. Faust. Kein schönes Pfingstfest.

Dienstag, 22. Mai: 21. Tag
Schlaflose Nacht. Wanzen. Am Tisch gesessen, geschrieben. Rübenschnitzelsuppe, scheußlich, nicht runter zu kriegen. Offiziersblock Baracken 26, 28, 30, 32 besonders eingezäunt. Kein Austritt. Lokus. Sportplatz. Gepäckrevision. Abgabe: Geld, Ringe, Bleistifte, Scheren, Messer.

Mittwoch, 23. Mai: 22. Tag
Unser Glückstag. Kein Brief. Viele Gedanken für Fiedelchen, die Kinderlein. Wenig beglückender Ablauf des Tages. Wieder sehr schlechtes Essen. Aber 500 Gramm Brot! Abends noch neue Herren auf der Stube. Immer die gleichen Gedanken: Entlassung!

Donnerstag. 24. Mai: 23. Tag
Eine Nacht verläuft so verwanzt wie die andere, ein Tag wie der andere. Antreten aller Offiziere, von Luck weiß auch nichts Neues. Gute Erbsensuppe, aber zu dünn und zu wenig. Ein Esslöffel Dickes! Abends 500 Gramm Brot, 40 Gramm Zucker. Revision Baracke 28. Wäsche.

Freitag, 25. Mai: 24. Tag
„Volksstimme“, Meißner Zeitung, UTD vom 19. Mai. - Regnerisch. Kühl. Lagerbesichtigung steht bevor. Umgraben. Gelber Sand auf die Wege. Gedanken über die führenden Männer der NSDAP. Sie haben uns schön rein geritten.

Sonnabend, 26. Mai: 25. Tag
Keine Besichtigung. Daher Essen wieder schlechter. Schöner, sonniger Maitag. Hat die Heimat genug zu essen? Wie steht es mit dem Geld? Hat Fiedelchen noch genug, um zu leben? Ist die fremde Besatzung drückend oder einigermaßen erträglich? Hilft sie bei der Ernährung? Wie sieht es überhaupt in Gunsleben aus? Stettin? Naugard? Unsere Wohnung? Unsere Sachen? Kriegen wir davon noch etwas wieder? Bleibe ich im Amt? Wenn nein was soll ich tun? Schwere Fragen - keine Antwort.

Sonntag, 27. Mai: 26. Tag
Leider kein Kirchgang. Gedanken an die Johanniskirche in Lüneburg und die Feldsteinkirche in Beetzendorf Wäre ich doch heute dort! Keine Bibel, kein NT, nur ein französisches Buch über Waterloo. „Faust“. Spaziergang hinterm Stacheldraht.

Montag, 28. Mai: 27. Tag
Immer wieder lange Appelle und Meldungen. Zeltpläne, Stühle, Schemel abzugeben, also nur noch Bänke. Verpflegungszettel!!! Hätten wir doch mal Fett! Essgemeinschaft für das Dicke, ich heute zuerst. Gedanken und Tränen - wie immer.

Dienstag, 29. Mai: 28. Tag
Rübenschnitzelsuppe! Widerlich! „Wallenstein“ begonnen. Immer wieder neue Baracken und Lagerparolen. Nachrichten. Keine Reichsregierung. Stalin an das deutsche Volk: Hitlerismus, Faschismus, Militarismus mit Stumpf und Stil ausgerottet. Nichts von Entlassung.

Mittwoch, 30. Mai: 29. Tag
Wieder häufiges Antreten. Die russische Liste enthält 40 Mann weniger als tatsächlich im Offizierslager vorhanden. Offiziersausweise. Bei vielen wenig offiziersgemäßes Verhalten. – „Wallenstein“ gelesen. Zusammensetzung der Gruppe 4, Immer die gleiche Verpflegung, häufig schlecht, aber immer zu wenig.

Donnerstag. 31. Mai: 30. Tag
Regen. 25 Mann auf der Stube. Knaust schneidet mir die Haare. Keine Rübenschnitzel. Drei Portionen Dickes (Brühkartoffeln). Aber es langt immer noch nicht zum Sattwerden. Oberst von Luck und sein Adjutant im verschärften Arrest. Blockältester ist Major Zörner. Braut von Messina gelesen. Faust gelernt. Ein Akt Maria Stuart.

Freitag, 1. Juni: 31. Tag
Der Mai ist vorüber. Er war nichts für uns. Wir hören und sehen nichts von den Weltereignissen und der Außenwelt. Die Eisenbahn. Fett fehlt. Grünkohl mit Brägenwurst.... Man hätte so viele Wünsche. Tagsüber Regen. Abends aufklärend. Faust.

Sonnabend, 2. Juni: 32. Tag
Nichts Neues. Ob man bei Nacht oder am Tage schläft, ist schließlich gleichgültig. Maria Stuart. Jungfrau von Orleans. Die Hybris. Gedanken um die Zukunft. Was tun, wenn man mich aus Amt und Gehalt entlässt? Keine Antwort auf diese Frage. In Gunsleben bleiben und 20 Morgen selber beackern, die jetzt Oma verpachtet hat? Gibt es ein Ruhegehalt? Lüneburg? Göttingen? Bielefeld? Welcher Nebenerwerb? Schicksal Stettin und unserer Habe? Die kleinen Bilder. (vermutlich die wenigen Fotografien, die er von seiner Familie mitgenommen hatte und die dann sehr abgegriffen zur Familie zurückkehrten). Ständig Gedanken um Frau und Kinder.

Sonntag, 3. Juni: 33. Tag
Wäre gern in die Kirche gegangen. Eigener Gottesdienst: Epistel und Evangelium des heutigen Sonntags. Kriegspfarrer Köhn. Bibel, Gesangbuch. Nachmittags Konzert - Schlager. Sehr heiß. Die Differenz zwischen unserer und der russischen Liste verkürzt unsere Portionen. 120 Herren sollen zu den Mannschaften. Wen wird es treffen?

Montag, 4. Juni: 34. Tag
Fortgesetzt Zählappelle. Abends sogar Schmerl persönlich, der eine neue Uniform und Stiefel eintauschen will. Ganz dünne Suppen - ach, die angeschlagenen Verpflegungssätze. Gespräch über Bielefeld, seine Freuden.

Dienstag, 5. Juni: 35. Tag
Wilhelm Tell, Buddenbrooks. Lübeck, das schöne, turmreiche. Schöne Erinnerungen. Die Kalte Platte im Voßhaus zu Eutin - oooh! Den ganzen Tag Buddenbrooks. Schillerband beendet. Auf der Stube viel Skat. Preisrunde. Abendgewitter.

Mittwoch, 6. Juni: 36. Tag
Jede Nacht das Gleiche: wenig, kein Schlaf. Gelesen, Tagebuch geschrieben. Heute mal etwas bessere und dickere Suppen, aber immer zu wenig. Tagsüber Buddenbrooks. Preisskat heute zu Ende. 1. Preis: die von OLt. Scheibke gestiftete Zigarre kriegte Taube. Jeder nahm einen Zug.

Donnerstag, 7. Juni: 37.Tag
Drückend heiß. Aufenthalt im Freien unerträglich. Buddenbrooks zu Ende gelesen. Die 10 Jahrgänge, die Stalin zum Arbeitseinsatz in Russland haben will. Bei den Mannschaften ununterbrochenes Kommen und Gehen. Bei uns nichts von Entlassung.

Freitag, 8. Juni: 38. Tag
Vorträge auf dem Platz. Parole: Verlegung nach Fürstenwalde. Dort Trennung nach aktiven und Reserveoffizieren. Nachrichten durch neu eingelieferte Herren. Widerspruchsvoll.

Sonnabend 9. Juni: 39. Tag
Beim Frühappell ohnmächtig geworden. Momentaner Schwächeanfall. Kreislaufstörung. Ernährung: Rübenschnitzel, Viehfutter! Hätte ich doch heute ein Brot mit Schmalz oder Wurst oder gar ein Brötchen. Den ganzen Tag gelegen. Gedanken an die dunkle, unentwirrbare Zukunft. Ihr gegenüber die besonnte Vergangenheit. Die glücklichen Ehejahre mit meinem Fiedelchen. Burg, Merseburg, Kiel, Meldorf, Stettin - alles so lebendig vor mir. Lüneburg, Bielefeld. Abends Besserung des Befindens.

Sonntag, 10. Juni: 40. Tag
Zugverkehr allmählich, Postverkehr noch nicht. Hätte ich doch Nachricht oder könnte ich schreiben! Immer noch Schonung. Kein Gottesdienst. Vortrag Lic. Pfarrer Günther. Wenig sonntägliches Essen. Nachmittags Konzert. Wie schön früher die Sonntagnachmittage mit Erika Hoffmann. Gedanken um das Weiterbestehen deutscher Kultur und Kunst. Mein Arbeitsbereich in Stettin!

Montag, 11. Juni: 41. Tag
Dünne Suppen. Feststellung bei der Entlausung mit Brausebad: Sehr abgemagert! 30 Generäle in ihrem Zwinger! Morgenandacht: „stirb und werde“! Andere Vorträge. Ob ich meine Goethebücher noch habe?

Dienstag, 12. Juni: 42. Tag
Wanzen, Wanzen, Wanzen!! Ärztliche Untersuchung in der Ambulanz: Herz. Lunge, Nieren o. B. Ernährung!! Weiter Schonung. Unsere Zimmerbücherei. Herrn Zöllners Bauentwürfe. Vorträge. Insbesondere nachmittags der von Pfarrer Günther: „Meteorologische Wolkenbildung am Abendhimmel“.

Mittwoch. 13. Juni: 43. Tag
240 Herren aus Baracke 32 rücken ab - aber nur in eine andere Baracke, um den Obersten und Oberstleutnants aus der Generalsbaracke Platz zu machen. Vorträge. Dünne Suppen. Nachmittags wiederholt Lic. Günther seinen Vortrag vom letzten Sonntag, jetzt zerlegt in drei Teile. Gespräch mit Teller: Kunst, Kultur.

Donnerstag, 14. Juni: 44. Tag
Nachts bitterkalt. Tagsüber Sandsturm. Trotzdem Vorträge. Kath. Heerespfarrer Kurschatke: Stilprobleme der modernen Malerei. Nachmittags Lic. Günther: Philosophie, Naturwissenschaften Religion. Sonst tagsüber auf der Bude. 25 Herren. Russenbesuch. Ein Viertel Liter Bohnenkaffee!

Freitag, 15. Juni: 45. Tag
Folge: schlaflose Nacht. Oder war es die abnorme Kühle? Immer das gleiche unzulängliche Essen! Jetzt auf der Terrasse des Schlosshotels in Heidelberg...... In der Zeitung Skizze über die neue Demarkationslinie.

Sonnabend, 16. Juni: 46. Tag
Colloquium über den letzten Vortrag Pfarrer Günthers. Deutsch-französische Gedichtsammlung. Den ganzen Tag Gedichte abgeschrieben. Kostbarer Besitz! Nachmittags letzter Vortrag Pfarrer Günthers über den christlichen Glauben. Grundlegend! Sehr viel über seinen Inhalt nachgedacht und beherzigt. Vormittags nochmals vom Arzt untersucht: ohne Besserung der Ernährung nichts möglich! Weitere Schonung. Einige Runden gedreht: mit meinem NT, meiner Anthologie und Faust. Strahlender Sonnenuntergang. Fiedelchen!

Sonntag, 17. Juni: 47. Tag
Wieder schlaflose Nacht wegen Bohnenkaffees. Insektenstiche. Ausschlag im Gesicht. Nicht rasieren. Liegt alles an der Ernährung! Bibel 1. Petr. 5, 5 - 11 gelesen.
Bei den Mannschaften die über 50 Jahre alten und die Kranken und Verwundeten heraussortiert. - Fiedelchen, Kinderlein.

Montag, 18. Juni: 48. Tag
Wenig geschlafen. Ganz deutlich von Klein-Annefriedel geträumt. Froh aufgewacht. Heute bei uns die über 50 Jahre alten, Verwundeten und Kranken heraussortiert, registriert. Was soll daraus werden? Sammellager? Anthologie.

Dienstag, 19. Juni: 49. Tag
Allgemeines Thema: baldigste Entlassung? Kurz bevorstehender Termin? Brotvorrat für Marschverpflegung, daher nur 300 Gramm? Arbeitseinsatz? Wo? Nachmittags Umzug nach Baracke 26, Stube 11. In allen Teilen eine Verschlechterung: kein eigenes Bett, kein Strohsack, kein Schemel, nur ein Tisch. Hoffentlich nicht mehr für lange.

Mittwoch, 20. Juni: 50. Tag
Die deutsche Volkszeitung amtliches Organ der KPD. Die 11 Punkte für die Bildung einer antifaschistischen, parlamentarisch-demokratischen Regierung. Keine Sowjetverfassung. Nachrichten aus Berliner Rundfunk. Bleibe ich in Amt und Gehalt? Die neuen Kameraden. Sehr heiß. Draußen geschlafen. Nachmittags Pfarrer Lohr über Lukas 15 gesprochen.
Ach - Glambecksee, - Trischen - Helgoland. 500 Gramm. Brot.

Donnerstag, 21. Juni: 51. Tag
Schlimme Nacht: Wanzen, Hautjucken, Hautbrennen, kein Schlaf. Dünne Suppen. Von den Schönheiten des heute zu Ende gehenden Frühlings haben wir nichts gehabt. Einen schönen Sommer kann uns nur die Entlassung bringen. Ach - mein Fiedelchen, meine Kinderlein.... Sehr heiß, viel Staub. Einige Vorträge. In der Entlassungsfrage keine Fortschritte. keine Klärung. Nur Parolen.

Freitag, 22. Juni: 52. Tag
Ganz fürchterliche Nacht - es ist die Hölle! Entlassung: sehr pessimistische Stimmung. Nur 300 Gramm Brot. Wie ist die Ernährungslage im Gesamtbereich? Plötzliches Verbot aller Vorträge!! Regen. Zusammenkunft der Magdeburger nicht möglich. Parolen. Furcht. Hoffnung.

Sonnabend. 23. Juni: 53. Tag
Die schlimmste aller Nächte. Gegen Mitternacht auf dem blanken Fußboden. Hautausschlag immer noch. Unrasiert. Rübenschnitzel. Brot jetzt immer erst sehr spät. Frage immer, ob es überhaupt was gibt Heute 50 gr. Unvorhergesehener Appell. Zur Entlassung aber nichts Neues. Abends bei den Schleswig-Holsteinern und Hamburgern. Mutters Anschrift, Stettiner Anschriften ausgetauscht. Nachrichten aus Schlesien von einem Obersten der Luftwaffe: Die Polen lassen niemanden nach Breslau rein, hindern alle heimkehrenden Trecks. Polen tatsächlich bis zur Oder? Stettin?

Sonntag, 24. Juni: 54. Tag
Johannisnacht! Meistersinger, 2. Akt - wäre es erst wieder so weit! Johannistag. Sehr neblig. Keine Morgenandachten mehr. Inniges Gebet für Frau und Kinder. Römer 8, 18: „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit der Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“ Der Junge des Oberstleutnants aus Baracke 32. - Arme deutsche Jugend! Sehr heiß. Dresdener Zeitung: neue Demarkationslinie auf eine Forderung der Russen noch nicht Wirklichkeit. Ostdeutschland?

Montag, 25. Juni: 55. Tag
Magdeburg-Anhalter treffen sich. Abgesehen von Natho kein Bekannter dabei. Adressenliste aufgestellt. Ziemlich elend, matt, müde, apathisch. Abends wieder etwas besser. Storm gelesen: „Über die Heide hallet mein Schritt.... Herbst ist gekommen, Frühling ist weit...“

Dienstag, 26. Juni: 56. Tag
Einen Band Goethe-Gedichte von Major Schoch bekommen. Venezianische Epigramme. Gedichte abgeschrieben. Meine Goethebücher! Entlassungstermin? Sammellager? Greifbar nahe? Ostdeutschland lebhaft erörtert. Viel mit den Gedanken in der Vergangenheit. Reisebericht über schöne Tage mit Fiedelchen im Tagebuch.

Mittwoch, 27. Juni: 57. Tag
Peterchens (Dietmars) 9. Geburtstag - und immer nach nicht bei ihm zu Hause. Ob nun zum 20.7. an Rainerleins Geburtstag? Stilles Gebet zu Gott für meinen Geburtstagsjungen und für meine Lieben. Hoffentlich sind wir bald wieder beieinander. Es regnet den ganzen Tag. Siebenschläfer! Starke Verschlechterung des Befindens.

Donnerstag, 28. Juni: 58. Tag
Regnerisch, trübe kühl. Schüttelfrost, Fieber, völlige Appetitlosigkeit. Krank gemeldet. Opiumtropfen pulvern vorübergehend wieder auf. Sogar Lust zum Memorieren. Schöne Erinnerungen. Wieder Verschlechterung des Befindens.

Freitag, 29. Juni: 59. Tag
Schlimme Nacht. Matt und apathisch im Bett gelegen, was man so Bett nennt. Elend harte Liege. Rücken- und Knochenschmerzen. Es regnet seit vorgestern fast ununterbrochen. Sehr deprimierte Stimmung. Alle Entlassungsparolen nicht in Erfüllung gegangen - nicht eine. Alle in diesen Tagen fälligen Fristen verstrichen.

Sonnabend, 30. Juni: 60. Tag
Überall starke Enttäuschung, Keimboden für neue Parolen. Resignation, ganz schlechtes Befinden. Opiumtropfen haben nicht mehr geholfen. Brot im Überfluss. Tausch gegen I A 33. (Köstlich duftend) Mitbringsel für Fiedelchen Nivea-Creme. Ich konnte mir heute endlich meinen Vollbart abnehmen. Füllfederhalter, Seife. Ich komme heute ins Lazarett. Enteritis, körperlicher Verfall. Was bin ich abgemagert. Im Lazarett ein Bett mit Strohsack, keine Wanzen. Schöne, wohltuende Ruhe. wenn auch nur für die Dauer der Entlausung der übrigen Lazarettinsassen.

Sonntag, 1. Juli: 61. Tag
Heute überhaupt noch nichts zu essen. Verschiedene Einläufe zur Reinigung. Tagsüber viel geschlafen. Viel Lärm, viel Gelaufe in der Baracke wegen der etwa 20 im Saal liegenden Magen- und Darmkranken. Unerfreuliche Atmosphäre. Scheißhaus. Wie anders vor Weihnachten im Krankenhaus zu Stettin.

Montag, 2. Juli: 62. Tag
Heute Diät: zweimal täglich Suppe, beide mal ziemlich dünn, und zwei Scheiben Röstbrot.

Dienstag, 3. Juli, Mittwoch, 4. Juli: 63/64. Tag
Mein Bettnachbar, Feldwebel, Lehrer aus dem Kreis Hoyerswerda, will wissen, dass die Amerikaner alle Bombenflüchtlinge wieder nach Hause schicken. Oder ihnen, wenn sie bleiben, keine Lebensmittelmarken geben. Das beunruhigt mich sehr: ob Fiedelchen nun auch mit den vier Kinderchen von Gunsleben nach Stettin zurück muss? Elend im Treck, zu Fuß? Schlimme Vorstellungen! Überhaupt, was wird, wenn ich nicht im Amt bleiben kann? Ohne Ruhegehalt entlassen werde? Wie und wovon leben? Omamas verpachtete 20 Morgen selbst bewirtschaften?

Donnerstag, 5. Juli: 65. Tag
Ein landwirtschaftlich Sachverständiger aus Kelbra setzt mir auseinander, dass auf 20 Morgen Bördeboden eine sechsköpfige Familie leben könne. Am liebsten wäre mir Entlassung mit Ruhegeld. Wohnsitz zuerst in Gunsleben und nach Festigung der politischen Verhältnisse Übersiedlung nach Lüneburg oder Göttingen.

Freitag, 6. Juli: 66. Tag
Am 2. Juli Stiftungstag der Brunsviga. Gedanken über die Zukunft der deutschen Burschenschaft. „...schwör’s bei deiner blanken Wehre…“ Zunehmende Besserung des Befindens. Am 4. Tag Vollbrot, am 5. Tag Vollkost: 3 mal dünne Suppe, 500 gr. Brot. Selbst geröstet.

Sonnabend, 7. Juli: 67. Tag
Einmal höre ich abends von weitem Glockenläuten. Verse. Das Matthäus-, das Markus- und das Johannesevangelium gelesen. Starker Eindruck von letzterem. Verse. Viel am Reisebericht im Tagebuch geschrieben. Erste Verse über Lüneburg und die Lüneburger Heide. Am 7. Juli als gesund entlassen. Gebiet östlich der Oder für immer verloren. Westliche der Elbe sind die Amerikaner. Geordnete Verkehrs- und Ernährungslage. Augenzeuge kürzlich eingeliefert. Anhaltend regnerisches Wetter mit sehr kühlen, ja kalten Nächten.

Sonntag, 8. Juli: 68. Tag
Besserung des Wetters. Sonnenschein, aber viel Gewitter. Sehr warm. Die Nacht wieder schlimm! Kein Auge zugedrückt. Was nur tun? Immer dieses Hautbrennen wegen der Krätze.- Gottesdienst fand heute im Waschraum statt. Gesangbuch. Einige schöne Choräle gelernt: Wer nur den lieben Gott lässt walten. - Sollt ich meinem Gott nicht singen.

Montag, 9. Juli: 69. Tag
Wieder schlaflose Nacht, es ist vor Jucken und Brennen nicht auszuhalten. Keine Krätze, sondern Wanzenstiche. Tagsüber gelegen und geschlafen. Das Gedicht über Lüneburg. Abends Entlausung. Vormittags unvermutete Gepäckrevision, bei uns ziemlich glimpflich, alles behalten.

Dienstag, 10. Juli: 70. Tag
Ich habe geschwollenen Füße, komme nicht mehr in meine Stiefel. Krank gemeldet. Ernährungsstörungen. Nichts trinken, wenig essen. Sehr matt, schlechtes Befinden. Den ganzen Tag gelegen. Trockenkartoffeln abgelöst durch Fischmehlsuppen.

Mittwoch, 11. Juli: 71. Tag
Wanzen treiben mich nachts nach draußen. Dort besser geschlafen. Wunderbarer klarer Sternenhimmel über mir. Wären wir doch erst endlich zu Hause! Magentropfen, Kohle haben Befinden gebessert, aber immer noch täglich zur Ambulanz. Schillers Gedichte, namentlich Lied von der Glocke. Schuhe zur Reparatur. Verse über Lüneburg.

Donnerstag. 12. Juli: 72. Tag
In der Nacht leider kurzer Regen - im Zimmer gleich wieder von Wanzen überfallen. Schillergedichte gelesen, dann noch ein kurzer Morgenschlaf draußen. Schwüler Tag. Der Russe ist ab 1. Juli in Leipzig, Weimar, Erfurt Magdeburg, also auch in Gunsleben! Immer mehr Parolen wegen einer kurz bevorstehenden Entlassung.

Freitag, 13. Juli: 73. Tag
Draußen geschlafen: kein Hautjucken, kein Hautbrennen. Tief und fest am Morgen. Balladenbuch. Meist gelegen und gelesen. Etwas geschrieben. In der Ambulanz heute keine Medizin. Abends gegen 22 Uhr: sofortige Entlausung! Schon wieder!

Sonnabend, 14, Juli: 74. Tag
Allerhand Parolen, die sich heute dahin verdichten, dass ab 15. Juli die Kriegsgefangenen entlassen werden. Soll Stalin gesagt und der polnische Kommissar des Lagers amtlich bekannt gegeben haben. Großes Wasch- und Trockenfest, alles wieder sauber, von mir aus kann's morgen losgehen. Aber nun Wanzen auch am Tage. Statt warmer Brotsuppe wie gestern und vorgestern abends heute abends kalter Brotpudding. Braune Scheiben. Heute vor einem Jahr waren wir in Bansin - wären wir es doch auch heute. Ausschmückungs- und Reinigungsarbeiten für russische Kommissare.

Sonntag, 15. Juli: 75. Tag
Sehr warm, Wettersturz. 75 Tage kriegsgefangen. Strahlender Sonnenschein. Eine besinnliche Stunde. Morgenandacht. Nach dem Frühappell allein auf dem Platz. Fischerbsensuppe wie üblich, mittags dünne Graupensuppe, ein Esslöffel Erbsbrei. Kartoffeln scheint es nicht mehr zu geben. Vormittags Goetheballaden (Major Schoch) Gottesdienst. Erntebeginn. Der erste Transport zu Erntearbeiten entlassen. Gesangbuch, Kleiner Katechismus. Verse: Mutters Räume.

Montag, 16. Juli: 76. Tag
Wilde Parolen über das Ziel unserer Entlassung. Optimisten und Pessimisten halten sich die Waage. Ambulanz: immer noch geschwollene Füße, immer noch liegen. Sehr warm. Gelegen und gelesen: Schiller. Gesangbuch. Mutters Räume (eigene Verse) Nachrichten über die neuen Grenzen. Vorpommern ohne Stettin und Mecklenburg. Stettin und das ganze Gebiet östlich der Oder abgetreten.

Dienstag, 17. Juli: 77. Tag
Die Polen sollen in dieses abgetretene Gebiet niemanden rein lassen. Was wird nun werden? Mein Amt? Mein Gehalt? Unsere Wohnung? Unser Habe? Vor einem völligen Nichts?
900 Mann mit Musik zum Arbeitseinsatz entlassen. Unser Lager soll bald geräumt werden. Ausweise. Wetter heute herbstlich kühl. Gelegen, gelesen. Schillers Glocke. Choräle, Eigene Verse.

Mittwoch, 18. Juli: 78. Tag
Trotz der Kühle wieder draußen geschlafen. Gestern Brotpudding. Alle Bücher müssen abgegeben werden, auch die privaten. Schade um manches! Aber in Anbetracht der bevorstehenden Entlassung...
Ambulanz: Schwellung der Füße ist etwas zurückgegangen. Schöner Sonnentag, warm und trocken.

Donnerstag, 19. Juli: 79. Tag
Diese Nacht sehr kühl draußen. Starker Morgennebel. Dann schöner Sonnentag. Vormittags draußen gelegen, geschlafen, gelesen. Füße wieder stärker angeschwollen. Abends Wachtmeister Schneeglatt. Brief an Fiedelchen.

Freitag, 20. Juli: 80. Tag
Entlausung. Schönes Bad. Nach 2 Uhr erst wieder in der Baracke. Nicht mehr geschlafen. Gedanken an Entlassung, Zukunft. Rainerlein hat heute Geburtstag. Ach, im vorigen Jahr in Bansin! Viele Gedanken. Den ganzen Tag gelegen. Entlassung rollt. Heute 3500 Mann. Hoffentlich wir auch bald.

Sonnabend 21. Juli: 81. Tag
Einzelheiten über die Entlassung. Kein Fußmarsch, sondern Abtransport mit der Bahn von Hoyerswerda oder Senftenberg. Es ist möglich, mehrere Entlassungsziele anzugeben. Ich muss zuerst nach Gunsleben zu Frau und Kinderlein. Immer in Gedanken dort. Haben sie genug zu essen? Kann Klein-Annefriedel gedeihen? Viel gelegen zur Schonung der Füße. Ich will am Tag der Entlassung nicht marschunfähig sein. Es werden der 26. und 28. Juli als Entlassungs- und Räumungstage genannt. Schöne lyrische Gedichte. Sternenhimmel.

Sonntag, 22. Juli: 82. Tag
Hoffentlich der letzte, mindestens aber der vorletzte Sonntag im Lager. Allgemeine Hoffnung. Füße wieder normal. Erstmalig für ein paar Stunden die langen Stiefel an. Major Schoch! Idyllen und Balladen von Münchhausen. Gottesdienst. Mittags, wie schon morgens, Grießsuppe. Leider zu dünn und zu wenig. Abends Brotpudding. Böiger Wind. Viel Staub.

Montag, 23. Juli: 83. Tag
Alles in der Baracke. Diese Akustik! Tabakempfang und Zubereitung. Füße abends wieder geschwollen. Stark abkühlendes Gewitter. Gleichwohl draußen geschlafen. 5.30 Uhr Regen. Hinein. Gleich Wanzen. Den ganzen Tag gelegen. Morgens und mittags Suppen ohne was drin. Brot!! Wieder Wind und Staub. Nur Hunger. Endlich abends Brotsuppe, zwei Scheiben Röstbrot.

Dienstag, 24. Juli: 84. Tag
Schon wieder Entlausung, von 8 bis 12.20 Uhr. Viel Warten. Warmes Bad. Füße durch das Stehen wieder geschwollen. Versuch drinnen zu schlafen, nach einer Viertelstunde Stunde Wanzenangriff aufgegeben. Aber auch draußen schlaflose Nacht. Um 4.30 Uhr Regen. Oh, diese Nächte...

Mittwoch, 25. Juli 85. Tag
Morgens wieder Erbsenschalenwasser. Vormittags gelegen. Hunger. Mittags dieselbe Suppe. Heißhunger, Gelegen. Abends Röstbrot und Bratpudding. Nachts draußen ganz gut geschlafen. Mit der baldigen Entlassung anscheinend noch nichts. Wenn doch nur Postverbindung wäre! Ich muss immer noch liegen morgens sind die Füße normal, abends immer wieder geschwollen. Das einzig Gescheite wäre Eiweiß, Salz und Fett. Abends gelesen. Gesangbuch, lyrische Gedichte, Glocke.

Donnerstag, 26. Juli: 86. Tag
Nachts sehr kühl, dann aber schöner warmer Sonnentag, Konzentrierter Artikel über den 20.7. 44. Wurde verlesen. Ja, hätte man... Jedenfalls wäre ein Kriegsende damals besser gewesen und hätte viele Opfer erspart. Gelegen. 1. Kor. 10, 1 - 13 gelesen.
Major Lauffer schenkt mir ein Neues Testament. Kostbarer Besitz.

Freitag, 27. Juli: 87. Tag
Mit den Füßen dasselbe! Es hilft anscheinend alles nichts, weder Liegen nach kalte und warme Fußbäder noch kalte Umschläge. Notwendig wäre allein andere Verpflegung! Die derzeitige wird von den Russen selbst als unzureichend anerkannt.

Sonnabend, 28. Juli: 88. Tag
Seit drei Wochen kein Stückchen Fleisch, keine Kartoffeln, morgens und mittags wässrige Suppen. Es soll zwar besser werden, aber... ! Major Zoerner beim Politoffizier: von hier sollen 13 000 Mannschaften entlassen werden, 6 000 sind bereits entlassen. Offiziere sollen alle erst nach Russland, ohne Rücksicht auf Alter und Gesundheit. Von dort Entlassung vielleicht um die Jahreswende. O Traurigkeit, o Herzeleid! Mein armes Fiedelchen! Wenn wenigstens Postverbindung wäre! Endgültige Berliner Beschlüsse stehen noch aus. Hoffen wir auf ein besseres Los. 28.7.: der Eltern Hochzeitstag.

Sonntag, 29. Juli: 89. Tag
Der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß....
1 Uhr Entlausung, bis 5 Uhr. Diese Idioten! Starke Nachwirkung der gestrigen Nachricht. Hoffentlich wird es nicht ganz so schlimm. Trost und Stärkung im Neuen Testament! Sehr kühle Nacht. „Weise von Liebe und Tod." Gottesdienst. l. Joh. 10, 22: „Ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch Wiedersehen und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ Besserung der Verpflegung. Graupen. Abends 1a Brotpudding mit Röstkrümeln. Den ganzen Tag über Sandsturm. Nachts sehr kühl - aber gleichwohl draußen.

Montag, 30. Juli: 90. Tag
Dieselbe Wettertrübsal. Sind die Hundstage. Gelegen. Geschlafen.

Dienstag, 31. Juli: 91. Tag
Nachts ganz überraschend 200 Offizier für Ernteeinsatz - Freiwillige herausgezogen, im Laufe des Tages weitere 400 und 140. Viel Leben und Bewegung im Lager, viel Hoffnungen! Bis zum 6.8. soll der Russe dies Gebiet westlich der Oder räumen. Nimmt er uns mit, oder lässt er uns frei? Trost im NT. Gedichte. Goethe. Weinheber.

Mittwoch, 1. August: 92. Tag
Immer noch kühl, sogar kalt. Die Nächte drinnen qualvoll. Wanzen. Kein Schlaf. Tagsüber müde, schläfrig. Suppen wieder dünn. 300 gr. Brot! Salz. Füße immer noch dick. Gelegen. 16.45 Uhr plötzlich Antreten der Ambulanz. Brief an Herrn Schmerl. Bei den Mannschaften gehen die Entlassungen zum Arbeitseinsatz flott weiter. Bei uns nichts. Was wird der August bringen?

Donnerstag, 2. August, Freitag, 3. August : 93/94. Tag
Eine ganz schlimme Woche. Die Hölle. Hunger. Wettertrübsal. Wanzen. Krankheit - böse, qualvolle Nacht. Viel zu wenig zu essen, zu wenig Schlaf - wären wir doch erst raus aus dieser Hölle! 19 000 Mann sind noch hier, darunter 1 400 Offiziere. Die Hälfte hat also das Lager schon verlassen. Vormittags Entlausung. Immer noch der blöde Westwind. Zunehmender sichtbarer körperlicher Verfall, nicht nur bei mir. Jeder Schritt, jede Armbewegung eine Anstrengung. Von einer geistigen Frische weit entfernt. Dabei seit Tagen wieder morgens und abends nur ganz, ganz dünne Suppen - Tod für die geschwollenen Füße, die nicht wieder dünner werden wollen - und gestern und heute nur je 300 gr. Brot. Hunger, Hunger! Hunger!

Sonnabend, 4. August: 95. Tag
Seit 95 Tagen nicht ein einziges Mal richtig rundum satt gewesen. Wanzenschutz. Einigermaßen wenigstens geschlafen. Durchfall. Ambulanz. Gegen die geschwollenen Füße nichts zu machen. Bettruhe, hoch liegen. Wieder nur dünne Suppen und 300 gr. Brot. Hunger! Es ist schlimm. Abtransporte stocken, Bahn kann es nicht schaffen. Von gestern bis heute Mittag viel Krampf wegen der Besichtigung durch eine russische hohe Kommission, die nachher doch nicht kam. Regen. Sehr müde und elend. Magenverstimmung abends etwas besser und großer Appetit. Röstbrot mit Graupen. Trost und Stärke durch das NT!! Was (wer?) erhält uns?

Sonntag, 5. August: 96. Tag
Warten auf die ärztliche Untersuchung für die Entlassung. Arbeitskommandos der Mannschaften und Offiziere gehen täglich flott heraus. Unsere alte Gruppe 4. Baracke großenteils unterwegs. Für uns Alte ist nichts bekannt. - Erfolg der Kommission: es gibt morgens und mittags einen halben Liter Suppe und zwar besser. „Die bisherige Verpflegung sei für KZ-Häftlinge, aber nicht für Offiziere.“ Gottesdienst für mich allein. Trübes Wetter.

Montag, 6. August, Dienstag, 7. August: 97/98. Tag
Furchtbare Wanzennacht. Vormittags rasche Entlausung, ohne Warten und Drängeln. Warum nicht schon immer so? Endlich sonniges, warmes Wetter. Im vorigen Jahr Bansin, Lüneburg! Wie schön - unwiederbringlich. Faust. Kalendarium. Schöne Welt der Verse. Jähes Erwachen am Abend durch die Bekanntgabe der von den Siegermächten in Potsdam gefassten Beschlüsse. Furchtbare Einzelheiten, finis Germaniae! Unvorstellbares politisches, nationales, kulturelles, wirtschaftliches Elend. Diskussionen suchen vergebens nach einem Lichtpunkt. Keine Gegenwart, keine Zukunft, keine Ehre, keine Freiheit, kein Vaterland. Meine armen Kinder. Stettin, das ganze Gebiet östlich der Oder und Neiße unter polnischer Verwaltung. ebenso Danzig, Königsberg russisch. Nominelle Zugehörigkeit zur Partei: keine Hoffnung auf Amt und Gehalt im polnischen Stettin. Was soll ich nun tun? Was wird, was kann in Zukunft geschehen? Landwirt auf 20 Morgen Bördeboden? Tiefpunkt der Entlassungskurve. Schreibke hat Geburtstag. Bohnenkaffee, Speisenfolge. Gespräche.

Mittwoch, 8. August: 99. Tag
Nachtgewitter. Auf dem Fußboden gelegen, ganz gut, aber eng. Trost und Kraft des Morgengebets. Kurzgottesdienst. „So demütigt euch nun unter die starke Hand Gottes, dass er euch erhöhe zu seiner Zeit.“ Aber immer diese würgenden Einzelheiten der Beschlüsse. Man wird damit nicht fertig. Gelegen. Die Füße immer sehr dick. Und nichts zu machen. Radikaler Flüssigkeitsentzug. Aber wer gibt für die Morgensuppe 2 Scheiben Brot? Von Amtswegen ist andere Verpflegung nicht zu bekommen.

Donnerstag, 9. August: 100. Tag
Nachtgewitter. Die 55 Jahre alten Offiziere sollen untersucht werden. Schon um 5.30 Uhr Appelle. Einzelne Berufe. Schikanen durch den Ordnungsdienst. Diese Strolche - übles Gesindel! - Bewölkt. Vormittags geschlafen. Erbsensuppe. Nachmittags mit ...? Er tauscht Suppe gegen Brot. Versuch eines Gedichts. Stettin! Bohnenkaffee!

Freitag, 10. August: 101. Tag
Nochmals Ambulanz, Harntreibendes Mittel. Zeitungsstand: Potsdamer Beschlüsse. Und so sieht nun der Friede der Gerechtigkeit und Dauerhaftigkeit aus!! Die Westgrenze Polens: Stettin. Die „aktive Beteiligung“, die mehr als nominelle Teilnahme. Gegrübelt.

Sonnabend, 11. August: 102. Tag
Heftiger Abend- und Nachtregen. Gleichwohl nachts 1.30 Uhr zur Entlausung. Bis 5.15 Uhr. Es geht nicht mehr höher an Blödsinn. Ambulanz: nun heute ins Lazarett: Dystrophie = allgemeiner Kräfteverfall. Nur nicht Enteritisbaracke. Baracke 1, Zimmer 6, 9 Betten. Hell, freundlich, sauber, geborgen - wohltuend. 7 Offiziere. Nichts essen, trinken überhaupt nichts.

Sonntag, 12. August: 103. Tag
Auch heute so den ganzen Tag. Stabsarzt Prof. Dannenberg, die russische Lagerärztin. Vielleicht Hospital. Einverstanden wegen der besseren Verpflegung. Aber von seinen Sachen sieht man dort nichts wieder, alles wird vertauscht. Gelegen, geschlafen, gehungert, gedurstet. Aber geborgen. Abends Wolkenbruch.

Montag. 13. August: 104. Tag
Morgenvisite: Lazarett muss beschleunigt geräumt werden. Wozu? Entlassung? Heute Diätkost. Dieser Durst!! Keinen Tropfen. Hptm. Kohlferber aus Magdeburg heute entlassen. Wärme für die Nieren. Lichtkasten. Inhalieren. Füße dünner geworden, aber noch nicht genug. Bergpredigt.

Dienstag, 14. August:105. Tag
Viel Lärm um nichts: Kommissionsbesuche. Vollkost: auch nur Suppen, wenn auch nicht ganz so dünn wie in den Baracken. Ach, wenn man doch das zu essen kriegte, was die Ärzte essen: Fleisch. Gemüse, Kartoffeln. Oberst Huth, Hptm. Brendel, Hptm. Danke heute entlassen. Nur nicht Hospital, trotz der besseren Verpflegung! Meine Sachen?

Mittwoch, 15. August: 106. Tag
Heute sieben Wochen nach Siebenschläfer fast immer Regenwetter. Endlich scheint es wieder Sommer zu werden. Nur noch zu dritt auf der Stube. Nierendiät. Allzu geschmacklos. Leider keine süße Mehlsuppe morgens. Nun doch noch für 14 Tage ins Hospital. Entsprechend wegen der Sachen disponiert. Sommer? Wieder trübe.

Donnerstag, 16. August, Freitag, 17. August: 107/108. Tag
Über 100 Tage hinter Stacheldraht! Über Hundert Tage Hunger!! Hoffen wir, dass die Zeit im Hospital das Ende oder wenigstens eine wohltuende Unterbrechung dieser hunderttägigen Hungerperiode bedeutet. Diagnose: Kreislaufinsuffizienz. Ich hänge nur noch in Haut und Knochen. Heilung nur durch Umstellung der Ernährung möglich, die das Lazarett nicht bieten kann. Bleibe ich hier, geht es gleich nach der Entlassung bei der flüssigen Barackenkost wieder von vorn los. Deshalb sowohl Prof. Dannenberg wie auch die russische Chefärztin für Überweisung ins Hospital.

Sonnabend, 18. August: 109. Tag
Gedanken dieser Tage natürlich ständig bei meinem Fiedelchen und den Kinderlein. Rainerlein müsste in diesen Tagen seinen ersten Gang zur Schule machen. Mein lieber kleiner Junge: Gottes Segen, ebenso für Erika und Dietmar, für die ein neues Schuljahr beginnt.

Sonntag, 19. August: 110. Tag
Gottes Segen besonders aber für Mutti und Klein-Annefriedel (Hannfried), dass sie gedeihen möge trotz aller großen Nöte der Zeit. Und Oma in Lüneburg möge uns alle noch einmal bei sich zu Besuch haben.

Montag, 20. August bis Sonnabend, 25. August: 111-116. Tag
Viel an meine Zukunft gedacht: früheres Amt und Gehalt, leitender Beamter in einer unter polnischer Verwaltung stehenden Großstadt kaum in Rechnung zu stellen, auch wenn ich kein Aktivist war. Beschäftigung in einem anderen nicht so in Erscheinung tretenden Amt der Stadtverwaltung wäre immerhin denkbar (Stadtbücherei, Museum, Stadttheater) Entlassung unter Zubilligung eines Ruhegehaltes würde die Gestaltung der Zukunft wesentlich erleichtern, ist aber nicht sehr wahrscheinlich. Alsdann Wohnsitz zuerst in Gunsleben bei Omama wegen der Miete. Später nach Festigung der Verhältnisse und Beseitigung der schwersten Wohnungsnot Wohnsitz nehmen in Lüneburg, Göttingen oder Bielefeld. Schlimm wäre die Entlassung ohne jedes Ruhegehalt. Dann bliebe weiter nichts als Bauer in Gunsleben auf 20 Morgen Bördeboden, die Omama jetzt verpachtet hat, so schwer uns allen diese Umstellung und diese neue Tätigkeit auch werden würde. Aber ich weiß nichts anderes und finde keine andere Lebens- und Verdienstmöglichkeit denn von unserem kleinen Bankkonto können wir nicht leben. Was finden wir in Stettin und Naugard noch von unserer Habe vor? Und wie kriegen wir es gut von Stettin nach Gunsleben? Wann Entlassung? Wir hoffen von einem Tage zum anderen, ja. von einer Stunde zur nächsten, wenigstens für III und IV. Viel Parolen.

Sonntag, 26. August: 117. Tag
Also wieder Baracke Stube XI. Dystrophie 2. bis 3. Grades. Völlig invalide. Entlassungsgesuche - vielleicht überflüssig durch die erwartetet Untersuchung. Verschärfte Bettruhe. Sehr matt. Immer noch Wasser. Teepause. Die guten Kameraden. Alles wartet.

Montag, 27. August: 118. Tag
Diesmal nicht vergeblich: heute Vormittag Arztkommission zur Entlassung. Ich erhalte Stufe 4, also zu entlassen. Die meisten anderen auch. Nun wird es hoffentlich rasch gehen. - Lagerverpflegung sehr gebessert. Zusätzlich heute neue Kartoffeln mit frischen Wurzeln (hannoversche Bezeichnung für Mohrrüben). Auf dem Tisch ein Strauß blühende Heide.

Dienstag, 28. August: 119. Tag
Goethes Geburtstag. - Natho hat Stufe 2 und ist sehr betrübt. Artikel über Burg von Paul Hopfer. Er wäre gerne dort. Umzug in eine andere Baracke. Gruppe ist auseinandergesprengt.

Mittwoch, 29. August: 120. Tag
Scheibke, Rey, Sperling, Natho und ich zur Gruppe 17, Baracke XII. Österreichischer Bereich: keine Baracke, sondern ein Schweinestall. Wanzen, Wanzen, alles bisher Erlebte weit in den Schatten gestellt. Scheibke besorgt neue Kartoffeln.

Donnerstag, 30. August, Freitag, 31. August: 121/122. Tag
Der Panzerleutnant Hans Evers!! Jeden Morgen aus der Ambulanz dieselbe Arznei - aber es bleibt der dünnflüssige Brei. Dazu wieder geschwollene Füße. Was soll ich denn bloß essen? Der Arzt in der Ambulanz sagt: alles, damit ich wieder zu Kräften komme. Die Schleimsuppen, gut für den Darm, schlagen auf die Füße, das Dicke, gut für die Füße, schlägt auf den Darm - also irgendwie ist alles verkehrt. Mein Entlassungsgesuch geht über Schmerl nicht hinaus, ich soll abwarten.

Sonnabend 1. September: 123. Tag
In der Zeitung Artikel der Präsidenten der neuen Landes- bzw. Provinzverwaltungen. In Provinz Sachsen (Reg.-Bezirk Magdeburg/Merseburg) der frühere Landeshauptmann Dr. Hübener. An diesen werde ich mich wenden. Neuer Zugang an Offizieren aus Schwarzheide. Ruhland. Dresden, Österreich. Bezüglich Entlassung von Stufe 3 und 4 hofft man auf den 3. September. Neue Kartoffeln, Witterungsumschlag, Verschlechterung des Befindens, erhöhte Darmtätigkeit. Können nicht mehr in der Waschküche schlafen. Quälender Durst.

Sonntag, 2. September: 124. Tag
Alles hofft und wartet, aber es ereignet sich nichts. Mannschaften verlassen das Lager hintereinander. Aber wir Offiziere sind anscheinend große Kriegsverbrecher, für die immer noch keine Befehle vorliegen. Vielleicht sogar noch anderes Lager? Neuer Zuzug aus Görlitz.

 

Hier bricht die bisher sorgsam durchgeführte Zählung der Tage in Gefangenschaft ab.

Montag, 3. September
Dass wir Zentralsammellager sind, befördert unsere Aussichten auf Entlassung nicht gerade. Die an den heutigen Tag geknüpften hohen Erwartungen restlos unerfüllt. Stufe 1 und 2 mussten wiederholt antreten. Stufe 3 und die jüngeren von Stufe 4 wurden zum Ordnungsdienst eingeteilt.

Dienstag, 4. September
Die deutsche Staatsoper Berlin macht wieder auf. Man liest in der Zeitung die gleichen Namen wie früher, wenige werden noch vermisst. Künstler fallen doch immer wieder auf ihre vier (!) Beine. Hoffentlich gehört Erika in Gera auch zu diesen Glücklichen.

Mittwoch, 5. September
Schudo inszeniert auf einer Freilichtbühne den „Sommernachtstraum“. Im Deutschen Theater „Nathan der Weise“ mit Paul Wegener. Im Hebbeltheater „Macbeth“. Hans Woche singt, Siegfried Bowies spielt, die Berliner Philharmoniker spielen. Klavierabend mit Else Blatt - ausgerechnet diesem Tastendragoner!

Donnerstag, 6. September, Freitag, 7. September
Ach ja: mein Kulturdezernat in Stettin, unwiederbringlich dahin! - Darm immer noch nicht in Ordnung. Kartoffeln, Erbsen, Bohnen, Wurzeln darf ich nicht mehr essen. Nur Gries- und Graupenschleim, auch Brot. Wenig oder nichts trinken, viel Wasser in den Füßen. Sympatol- und Kampferspritzen helfen nur vorübergehend Und dieser quälende Durst. Verdünnte Salzsäure! Die dünnen Suppen ziehen in die Beine. Erst Magen und Darm, damit man wieder Dickes essen kann.

Sonnabend, 8. September
Schöne, warme Herbsttage, wie damals, 1938 auf unserer Fahrt nach Heiligenblut auf der Großglocknerhochalpenstraße. Nachts prachtvoller, klarer Sternenhimmel. Wegen meines Entlassungsgesuchs heute beim Politoffizier gewesen. Es kämen in den nächsten Tagen Anordnungen für das gesamte Lager, solange müsse ich warten. Also wie üblich. Es ist anscheinend nicht mehr zu erwarten. Immer noch fraglich, ob nun Entlassung nach Haus oder Überführung in ein neues Lager.

Sonntag, 9, September
Der Russe schweigt. Wie hoffen auf Entlassung. Gründlicher als sonst in der Ambulanz. Opium, Salzsäure, Vitamin B für den Darm, ich soll nun alles essen, auch Erbsen, Wurzeln, Kartoffeln, Brot, geröstet - wie gern ich das tue!

Montag, 10. September, Dienstag, 11. September
Für die Ödeme Kampferspritzen, die das Wasser treiben. Es ist aber noch genug in den Beinen, bis zum Unterleib! Nach wie vor strengste Bettruhe, Füße hochlegen. Hans Evers hilft mit seiner zweiten Morgen- u. Mittagsportion, so gibt es abends noch eine dritte Suppe mit viel Brot. Appetit reichlich vorhanden, mehr als ich zu essen habe. Abends interessante Gespräche mit Amtsgerichtsrat Dr. Haas aus München über Fragen des preußischen und bayerischen Verwaltungsrechts, allgemeine politische und geschichtliche Fragen. Willkommene Abwechslung.

Mittwoch, 12. September
Mein lieber, kleiner Bause (Erika), alles Gute zu deinem Geburtstag! Dein und mein Lieblingswunsch, heute schon bei Euch zu Hause zu sein, ist leider nicht in Erfüllung gegangen. Hoffen wir auf meinen Geburtstag. Wenn man doch nur schreiben könnte! Es ist böse Aber hoffentlich geht s Euch gut! In der Losung des 12. 9. steht: „...es ging das Mehl nicht aus im Kad…“ Hoffentlich Euch auch nicht das Brot und was sonst zur Notdurft des Leibes und Lebens gehört.

Donnerstag 13. September
Ein Tag wie der andere. Die schönen Herbsttage von Regentagen abgelöst! Häufig Zählappelle.

Freitag, 14. September
In der Zeitung „Scheidung der Geister", die schwarze Liste der Dichter und Schriftsteller. Auch Gustav Frenssen teilweise. Heute nochmals beim Politoffizier: Warten auf die Entscheidung für das ganze Lager. Vorabentlassung nicht möglich. Also genau so weit wie neulich. Wettlauf mit dem Tode! Durchhalten! Hoffen! Gesund werden! Nach Hause!

Sonnabend, 15. September
Heute früh ganz plötzlich Appell, Einteilung in Hundertschaften. Die ganze Gruppe auseinander gesprengt! Auf dem Appellplatz: Mantelausgabe, Gepäckrevision. Das sah alles nicht nach Entlassung aus: Überführung in ein anderes Lager! Aber wohin? Alles dunkel! Ich bin mit sieben anderen nicht marsch- und transportfähig. Bleibe zurück. Die anderen marschieren um 6 Uhr nach Hoyerswerda. In Baracke 6 neuer Zuzug aus Pirna und Thüringen.

Sonntag, 16. September
Widersprechende Nachrichten. Aber alles negativ. Oberstabsarzt Dr. Wilke schickt mich ins Lazarett. Aber muss mit antreten. Dasselbe wie gestern! Ich kann doch nicht laufen. Keine Möglichkeit der Hilfe, auch von den Ärzten nicht. Nachfolgend breche ich zusammen und werde von den Russen ins Lazarett geschickt.

Montag, 17. September
Ruhe, geborgen! Prof. Dannenberg. Ich atme erleichtert auf. Ruhe. Essen gut. 1 Liter. Der cand med. Klein. Liegen, liegen. Die anderen nach Russland? Der Darm wieder in Ordnung, gleichwohl Leibschmerzen. Sonst geschlafen. Viel Wasser lassen. Starke Ödeme.

Dienstag, 18. September
Ein Buch über Gotik folgt dem Kapitel über Barock aus der Kunstgeschichte von Dehio. Eine Goethe-Biographie, bereits bekannt. Sehr gutes Buch. Biographische Notizen. Es soll nach Dresden oder nach Sagan gehen. LKW demnächst.

Mittwoch, 19. September
Goethe-Biographie Seite 300: Deutschland ist eine Kraft - und Kraft ist ewig. Sie faseln von der Gefahr, dass die deutsche Sprache verschwinden könne - jetzt müsste er dreinfahren - unbesiegbare deutsche Art.

Donnerstag, 20. September
Nachts das verordnete Badebad - Brausebad. Rasieren. Es ging auch heute noch nicht los. Ja nun - wir können das Warten hier aushalten Wetter gut, Essen gut, zu lesen. Biographische Notizen aus dem Goethebuch.

Freitag, 21. September
Herrlicher Herbsttag. Vollmondnächte. Wäre man doch..... Könnte man doch.... Kampferspritze. Ödeme immer noch stark, körperlich sehr matt. Dystrophie, ständig Hunger. Geistig sehr frisch. Aber soviel Sehnsucht und Heimweh! Leuchtende Herbstblumen - wehmutige Gedanken...

An diesem Tag brechen die Aufzeichnungen ab. Unter dem Datum des 5. Oktober 1945 ist von fremder Hand eingetragen: „um 7 Uhr im Lazarett Sagan sanft entschlafen".

Die letzte Etappe unserer Spurensuche liegt noch vor uns

 

10 Jahre später - An Vaters Grab

 

Donnerstag, 15. Juni 2017

Was für ein bewegender Tag! Nach der Spurensuche nach dem Grab unseres Vaters im Jahr 2007 besuchen wir heute, während unserer Reise ins Baltikum, die von der Kriegsgräberfürsorge als vermutlich genannte Grablage auf dem Friedhof Milostowo in Posen.

Zunächst fahren wir mit dem Auto zum Friedhof, auf dem sich die deutsche Kriegsgräberstätte befindet. Nach gezielter Suche und einer Nachfrage auf "deutsch-polnisch-englisch" stehen wir plötzlich vor dem riesigen Gräberfeld, auf dem tausende in den letzten Kriegsjahren gefallene deutsche Soldaten ihre letzte Ruhestätte fanden. Auf großen Bronze- und Mamortafeln sind die Namen - soweit bekannt - in alphabetischer Reihenfolge eingraviert, bzw. gemeißelt.

"Ich hab ihn", ruft Petra plötzlich als sie den Namen meines Vaters auf einer der vielen Tafeln im Block 2B entdeckt.

ERICH BUCHHOLZ    *26.10. 1894   5.10.1945

 

Damals war ich gerade mal 7 Monate alt. Von meiner Geburt hat er nichts erfahren, ihm war lediglich bekannt, dass in Gunsleben sein viertes Kind erwartet wird......

Nun stehe ich hier als 72-jähriger zum ersten Mal an seinem Grab.

Lebenslauf

 Erich Albert Wilhelm Buchholz, geb. am 26. Oktober 1894 als zweites Kind des Lehrers Friedrich Buchholz und seiner Ehefrau Friederike, geb. Burghardt, in Hellendorf, Kreis Burgdorf. Schulzeit in Lehrte, Gymnasiastenzeit in Burg bei Magdeburg. Studienbeginn in Göttingen zum Wintersemester 1912. Unterbrechung durch Teilnahme am 1. Weltkrieg, aus dem er als Leutnant der Reserve heimkehrte. Danach Wiederaufnahme des Studiums in Göttingen als stud. jur. Staatsexamen im Herbst 1921. Promotion im Februar 1924. Ab Oktober 1926 Assessor in Bielefeld, ab August 1929 Regierungsrat in Merseburg. Am 30. November 1929 Hochzeit mit Friedel Graul. Bis 1934 Tätigkeit als Regierungsrat am Oberpräsidium in Merseburg, dort Geburt von Erika. 1934 Versetzung an das Oberpräsidium in Kiel, dort 1936 Geburt von Dietmar. Von 1936 bis 1939 Landrat in Meldorf (Holstein), dort 1939 Geburt von Rainer. 1939 Versetzung nach Stettin mit Beförderung zum Regierungsdirektor am Stettiner Oberpräsidium. 1943 Wechsel in den Dienst der Stadt Stettin mit Übernahme des Kulturdezernates. Im August 1943 Evakuierung der Familie zur Großmutter nach Gunsleben. Im Februar 1945 zum „Volkssturm“ eingezogen. Abriss der Briefverbindung zur Familie seit dem Tag der Abkommandierung an die Oderfront. Von der Geburt seines jüngsten Kindes, Hannfried, am 2. April 1945. hat er nichts mehr erfahren.

Das Lager Elsterhorst

Eine Ausstellung des Stadtmuseums Schloss Hoyerswerda, für die Museumsleiterin Sigrun Jeck, ihre Kollegin Elke Roschmann und Archivarin Ingrid Wirth in akribischer Kleinarbeit unter dem Motto: ERINNERN - GEDENKEN - MAHNEN, eine bewegende und interessante Ausstellung über das Lager Elsterhorst von 1938 bis 1948 zusammengestellt haben.