Mal eben nach Cuxhaven

Schon seit längerer Zeit beschäftigte mich der Gedanke, eine Fahrradtour auf dem Elberadweg zu unternehmen. Nach einigen Recherchen im Internet habe ich recht schnell die einschlägigen Seiten über den Elberadweg und darüber hinaus viele andere mit Informationen gefüllte Seiten über Radtouren unterschiedlichster Art gefunden. Größtenteils liebevoll gestaltet, vermitteln diese Seiten die Faszination solcher Touren und weckten bei mir eine gewisse Vorfreude, eine solche Reise auch im Alter von 61 Jahren allein zu wagen.
Meine Tour beginnt im Sommer 2006 in meiner Heimatstadt Oschersleben. Von hier aus bin ich zunächst mit dem Zug nach Magdeburg und dann mit dem Rad über Tangermünde, Havelberg, Wittenberge, Schnackenburg, Hamburg, Glückstadt, Brunsbüttel, Cuxhaven und zurück nach Stade gefahren.
Mit einigen Abstechern habe ich dabei eine Entfernung von fast 600 Kilometern zurückgelegt. Übernachtet habe ich ausschließlich auf vorher festgelegten Campingplätzen in einem mitgeführten kleinen Trekking-Zelt. Konditionell habe ich mich mit diversen Tages-Radtouren (ca. 250 km) einigermaßen in Schwung gebracht und vor dem Start nochmals meinen Hausarzt konsultiert. Materiell lässt meine vielleicht etwas unprofessionelle Ausstattung zumindest aus der Sicht des Rad-Fachhandels einiges zu wünschen übrig. Rad und dazugehöriges Equipment stammen ausschließlich aus dem Baumarkt......

 

1. Tag, Sonntag, 16. Juli

 

Oschersleben - Magdeburg - Rogätz - Bittkau (58 km)
Kurz nach 8 Uhr bringt mich der Harz-Elbe-Express vom Bahnhof Oschersleben in das knapp 30 km entfernte Magdeburg. Schon am Hauptbahnhof ist der Weg zum Elberadweg gut ausgeschildert. Ebenso gut wie die Ausschilderung in der Stadt ist zunächst auch der Radweg, auf dem ich von nun an bis zur Elbmündung radeln werde.
Nach einer halben Stunde verlasse ich hinter dem Herrenkrug rechtselbisch die Landeshauptstadt und fahre durch eine herrliche Elbauenlandschaft bis Hohenwarte. Ab hier verläuft der Radweg unmittelbar hinter der riesigen Trogbrücke bis zur Schleuse Niegripp direkt am Mittellandkanal und ist idiotensicher ausgeschildert. Etwa drei Kilometer hinter Schartau setzte ich mit der Fähre nach Rogätz über und durchquere nach einer kleinen Pause linkselbisch über Sandkrug, Bertingen und Kehnert eine überaus reizvolle Wald- und Uferlandschaft.

Ziel meiner heutigen Etappe ist das Family-Camp-Kellerwiehl, das ich kurz hinter Bittkau am frühen Nachmittag erreiche. Nach einem Blick in die pieksauberen sanitären Anlagen und die einladend wirkende Gaststätte mit gepflegter Seeterrasse steht recht schnell fest, dass hier die neun Euro Campinggebühr gut angelegtes Geld sind.
In wenigen Minuten baue ich mein Zelt auf und verbringe den Rest des Tages bei schönstem Sommerwetter am See, der allerdings wegen seiner geringen Wassertiefe kaum Abkühlung bringt. Abends sitze ich nach einem ausgiebigen Duschbad auf der Seeterrasse und lasse mir neben einem leckeren Grillhähnchen mehrere Bierchen schmecken.

Nachdem ich Petra in Oschersleben angerufen und meiner Schwester in Stade eine SMS geschickt habe, dass ich die erste Etappe gut überstanden habe, lege ich mich gegen 22 Uhr in mein Zelt, kann aber mangels einer geeigneten Schlafunterlage lange nicht einschlafen.

2. Tag, Montag, 17. Juli

 

Bittkau - Tangermünde - Arneburg- Havelberg (67 km)
Um sieben Uhr stehe ich auf und verpacke meine Sachen sorgfältig auf meinem Drahtesel. Hinter Grieben muss ich den Elberadweg wegen Deicharbeiten kurzzeitig verlassen und erreiche somit Tangermünde über wenig befahrene Landstraßen erst auf Umwegen. Obwohl ich mit dem Auto schon mehrmals in dieser geschichtsträchtigen Stadt gewesen bin, ist ein Stadtbummel Pflicht. Zumal er mich an der Bäckerei Curds vorbeiführt, wo ich erstmal vortrefflich und preiswert frühstücke. Danach schiebe ich mein Rad durch die liebevoll hergerichtete Altstadt und verweile zunächst etwas vor und später im Dom.
Vor dem ehrwürdigen Kirchenbau treffe ich auf zwei junge Radler aus Dresden Die beiden Burschen berichten von einer teuren Reparatur ihrer ebenso teuren Markenfahrräder. Mehrere Speichen hatten sich verabschiedet, worauf man sich in die Hinterräder stabilere Speichen montieren ließ. Wir plaudern noch etwas über unser gemeinsames Radlerhobby, dann setzen die beiden Sachsen ihre Fahrt elbabwärts fort. Auch ich schwinge mich auf mein Baumarkt-Rad und versuche den beiden zu folgen. In Anbetracht des forschen Tempos der beiden jungen Burschen gebe ich diesen Versuch aber recht schnell auf und steuere stattdessen einen Baumarkt an, um mir eine dringend benötigte Luftmatratze zu kaufen. Schnell ist das passende, sich selbst aufblasende Gummiding, gefunden. Gut gelaunt setzte ich meine Fahrt bei strahlendem Sonnenschein und mit 2,5 kg mehr an Bord fort.

Zunächst bleibe ich linkselbisch und radle über Hämerten und Storkau in Richtung Arneburg weiter. Dass hinter Billberge einige kleine Steigungen zu bewältigen sind, stört mich wenig. Schließlich geht es nach jedem kräftezehrenden Anstieg immer wieder kräfteschonend bergab.
Kurios ist, dass ich kurz vor Arneburg zum einen die beiden Sachsen wieder einhole, die scheinbar ihrem forschen Tempo Tribut zollend, gerade eine Pause einlegen und dass ich zum anderen bereits zum dritten Mal das Rentnerehepaar aus dem Schwarzwald überhole, mit dem ich auf der Rogätzer Fähre Bekanntschaft gemacht habe. Vorbei geht es nun an der mächtigen Betonruine des aus DDR-Zeiten stammenden und nie in Betrieb genommenen Atomkraftwerk.
Unterwegs gesellt sich ein Radler-Pärchen aus Italien zu mir, das sich vom Altmark-Radweg kommend, wild gestikulierend nach dem Weg nach Havelberg erkundigt. Wir radeln gemeinsam bis Büttnershof, einem restaurierten Gutshof mit einem Gasthaus für gehobene Ansprüche. Hier trennen sich unserer Wege: während die Italiener linkselbisch Richtung Werben nach Havelberg weiterfahren, nehme ich nach einer halbstündigen Mittagspause Kurs auf die Fähre nach Sandau.

Auf der rechten Uferseite rolle ich recht komfortabel auf einem guten Radweg parallel zur Bundesstraße 107 auf Havelberg zu. Und das gemeinsam mit einer Gruppe Jugendlicher aus Genthin. Die Kerle radeln wild drauflos und haben sich eine Radtour nach Schweden vorgenommen. Ein Vorhaben, das ich angesichts der abenteuerlich anmutenden Ausrüstung und des teilweise in Plastkisten auf dem Gepäckträger verstauten Sachen nur schwer nachvollziehen kann. Am frühen Nachmittag erreiche ich Havelberg und checke kurz vor 14 Uhr auf der Campinginsel ein. Der Platz macht einen gepflegten Eindruck, ebenso lassen die modernen und sauberen Sanitäranlagen sowie die gastronomische Versorgung einen angenehmen Aufenthalt erahnen. Den Nachmittag verbringe ich badend am Havelstrand und den Abend in der zum Campingplatz gehörenden Gaststätte "Zum Biber". Hier leistet mir ein pensionierter Studienrat aus Lauenburg Gesellschaft, der nicht weit von mir sein Zelt aufgebaut hat und per Rad nach Magdeburg unterwegs ist.

3. Tag, Dienstag, 18. Juli

 

Havelberg - Wittenberge - Schnackenburg - Gartow (82 km)
Obwohl die gestern erstandene Luftmatratze meinen Schlafkomfort wesentlich verbessert, schlafe ich nicht besonders gut. Schuld daran ist eine große Straßenlaterne, die meinen Zeltplatz die ganze Nacht über hell erleuchtet. Kurz nach 7 Uhr beginne ich mit dem Zeltabbau, während sich mein Magen bereits wegen des noch ausstehenden Frühstücks meldet. Dazu lädt im Stadtzentrum die Bäckerei Schulz mit Kaffee und belegten Brötchen ein. Das Angebot wird nicht nur von mir, sondern auch von einem Radler-Pärchen aus Hamburg dankbar angenommen. Wir kommen ins Gespräch, wobei sich herausstellt, dass die beiden jungen Leute auf Heimatkurs sind. Mit ihren teuren, rundum mit Ortlieb-Fahrradtaschen bestückten Markenfahrrädern, hinterlassen die beiden einen fast professionellen Eindruck. Vielleicht ein Grund, die beiden Hamburger schon wegen meines bescheidenen Baumarkt-Equipments von dannen ziehen zu lassen. Außerdem ist mir die von den beiden angepeilte Durchschnittsgeschwindigkeit von 28 Kilometern in der Stunde ohnehin zu hoch. Stattdessen schiebe ich mein Rad gemütlich zum Dom hinauf und erfreue mich am herrlichen Ausblick auf die Stadt und rundum ins Land.

Über Nitzow fahre ich dann auf einer wenig befahrenen Landstraße in Richtung Quitzöbel und erreiche kurz vor dem Ort linksabbiegend auf einem etwas holprigen Waldweg die Havel, die von hier ab bis zu ihrer Mündung bei Gnevsdorf fast parallel zur Elbe fließt. Wie es der Zufall will, überhole ich auf diesem Wegstück "mein" Radler-Ehepaar aus dem Schwarzwald, die in einer Havelberger Pension übernachtet haben und nunmehr ebenfalls in Richtung Wittenberge unterwegs sind.
Gegen Mittag erreiche ich das Storchendorf Rühstädt und bewundere die Adebars, die hier recht zahlreich in ihren Nestern hocken. Nach einigen Fotos und einem kleinen Imbiss radle ich über Hinzdorf auf Wittenberge zu. Schon am Stadtrand bieten die großflächigen Industrieruinen ein trauriges Bild. Dagegen haben sich zumindest einige Teile des Stadtzentrums recht ordentlich herausgeputzt. In einem Edeka-Markt decke ich mich mit Getränken und frischem Obst ein. Gleiches macht auch mein Radler-Pärchen aus Hamburg, das vor mir aus Havelberg losgefahren ist. Rechtselbisch lasse ich nun Wittenberge hinter mir und radle bei brütender Hitze auf dem gut befahrbaren Radweg mit dem Ziel weiter, den Fluss bei Lütkenwisch mit der Fähre nach Schnackenburg zu überqueren.

In Anbetracht der Temperaturen von über 30 Grad gieße ich mir in regelmäßigen Abständen Wasser über meine Radlermütze, um meinem erhitzten Hirn etwas Kühlung angedeihen zu lassen. Etwa zum Zeitpunkt, als die Beine schwerer werden und sich aufkommende Müdigkeit bemerkbar macht, kommt mir der kleine Badesee bei Cumlosen weniger als Wink mit dem Zaunpfahl als vielmehr als ein Geschenk des Himmels vor. Gut eine Stunde mache ich hier Badepause, bevor ich gegen 15 Uhr ausgeruht meine Tour fortsetze.
Nach einem großen Radler in einem Café am Deich vor Lütkenwisch und einer Gedenkminute an einem Gedenkstein für die Grenzopfer der Elbe überquere ich dieselbe mit der Fähre und bin in ein paar Minuten im niedersächsischen Schnackenburg. Das kleine Städtchen döst verschlafen in der Nachmittagssonne vor sich hin, kann aber leider keinen Campingplatz aufweisen. Darum lasse ich Schnackenburg, das ich bereits mit Petra per Auto einschließlich Zonengrenzmuseum besucht habe, ziemlich stiefmütterlich links liegen.
Einen Campingplatz finde ich letztendlich etwas abseits von der Elbe im 10 Kilometer entfernten Gartow. Das aber in einer Top-Qualität zum fairen Preis von 10 Euro. Den Service in Küche (mit kostenlosem Kühlschrank) und dem Sanitärtrakt (mit blitzsauberen Duschen und Toiletten) nehme ich dankbar an, zumal man schon in der Rezeption auch als "Einnächtler" herzlich begrüßt wird. Nachdem ich mein Zelt aufgebaut habe, lasse ich den Tag bei kühlen Getränken und einem leckeren Steak in einem Strandcafé am Gartower See ausklingen.

4. Tag, Mittwoch, 19. Juli

 

Gartow - Hitzacker - Neu Darchau- Klein Kühren (70 km)
Gut ausgeschlafen krabbele ich kurz nach sieben Uhr aus meinem Schlafsack und lasse mir beim Abbau und Packen reichlich Zeit. In einem Gartower Edeka-Markt leiste ich mir zum Frühstück einen großen Pott Kaffee und verputze zwei belegte Brötchen. Danach frische ich meine Getränke- und Obstvorräte auf. Gut versorgt und mit reichlich Wasser an Bord schwinge ich mich in den Sattel und strampele meinem heutigen Tagesziel Klein Kühren munter entgegen. Die Sonne meint es mal wieder zu gut und das Thermometer klettert bis zum Mittag auf 35 Grad. Bei dieser Gluthitze erreiche ich über Gorleben auf sehr gut befahrbaren Deichwegen gegen Mittag Hitzacker. Auf der anderen Elbseite sehe ich das mecklenburgische Dömitz und kurz darauf die legendäre Dorfrepublik Rüterberg.
Nicht nur ein Anruf von zuhause, sondern auch mein halbwegs gesunder Menschenverstand warnen mich beim "In-sich-hinein-Horchen" davor, bei dieser Hitze weiterzufahren. Den Umständen Tribut zollend ändere ich meinen Zeitplan und lege eine mehrstündige Pause im Freibad von Hitzacker ein. Hier lässt es sich nach einer Riesen-Currywurst mit doppelt Pommes prächtig faulenzen. Gegen 17 Uhr setzte ich meine Fahrt fort, vorher ziehe ich in der örtlichen Sparkasse noch ein paar Scheine und gönne mir beim Bäcker gegenüber ein großes Stück Kuchen und eine kleine Tasse Kaffee.

Zwar wird im bikeline-Handbuch auf die Steigungen hinter Hitzacker hingewiesen, dennoch bin ich ziemlich überrascht, was mich in dem Klötzie genannten Waldgebiet erwartet. Bei Steigungen bis zu 13 Prozent muss ich mich ganz schön ins Zeug legen und ziehe es vor, die Berge schiebend zu erklimmen. Neben den Steigungen in der Klötzie macht mir indes zu schaffen, dass ich mich bei der Suche nach einer flussnahen Abkürzung mächtig verfahre. Und das bei mörderischen Temperaturen, die mich fast an den Rand der Erschöpfung bringen. Darüber hinaus werde ich auch noch von einem großen Schwarm blutrünstiger Insekten verfolgt, die sich von meinen wenig Schutz bietenden und schweißtriefenden Klamotten angezogen, gierig über meinen geschundenen Körper hermachen. Spätestens in solchem Moment kommt bei mir immer die Frage auf: Was mache ich hier eigentlich? Warum sitze ich nicht in meinem nagelneuen, klimatisierten VW-Passat und cruise mit der Option auf ein gastliches Hotelzimmer für die Nacht gemütlich durch die Lande?
Ich beiße die Zähne zusammen und erreiche nach einstündiger Irrfahrt durch den Wald völlig erschöpft die Darzauer Wassermühle. Wie wohltuend eine Abkühlung in dem kleinen Mühlbach ist, kann nur der nachvollziehen, der schon mal einer ähnlichen Strapaze ausgesetzt war. Über Neu Darchau weiter fahrend komme ich erst gegen 20 Uhr auf dem Campingplatz Klein Kühren an.
Ein herzlicher Empfang und eine üppige Getränkeversorgung aus dem Kühlschrank der Rezeption lassen mich die Anstrengungen der heutigen Etappe schnell vergessen. Nach dem Zeltaufbau genieße ich zum ersten Mal ein erfrischendes Bad in der Elbe. Nach dem Abendbrot vor meinem Zelt lasse ich mir noch einige Flaschen Krombacher schmecken. Neben einem sagenhaften Sonnenuntergang am Elbufer wird mir die gute Versorgung auf diesem idyllisch gelegenen Campingplatz in guter Erinnerung bleiben.

5. Tag, Donnerstag, 20. Juli

 

Klein Kühren - Bleckede - Laßrönne (75 km)
Schon am frühen Morgen genügt ein Blick aus dem Zelt, um festzustellen, dass es auch heute wieder mächtig heiß wird. Nach dem Zeltabbau und einem kurzen Erfahrungsaustausch mit meinem Nachbarn aus Ahrensburg, der mit seinem Rad nach Prag unterwegs ist, frühstücke ich im Edeka-Markt von Neu Darchau.
Über Katemin, Walmsburg und Alt Garge erreiche ich bereits nach 15 km Bleckede. Die Hitze macht mir arg zu schaffen und ich halte es für ratsam, in dem kleinen Elbestädtchen Pause zu machen. Die Pause wird genutzt, um im Drogeriemarkt Rossmann einige Fotos auszudrucken und als Ansichtskarte an die Lieben daheim zu verschicken.
Nach einer gekühlten Buttermilch und etwas Obst aus dem Lidl-Markt radle ich am linken Elbufer munter weiter auf Hamburg zu. Ich komme aber nicht sehr weit. Klärchen brennt unbarmherzig vom Himmel und nur zu verlockend ist ein Bad in der Elbe. Schon bald kann ich der Versuchung nicht mehr widerstehen. Irgendwo zwischen Bleckede und Radegast stürze ich mich in die Fluten, besser gesagt ins ruhige Wasser einer von einer Sandbank geschützten Bucht. Das Baden in der Elbe und das Faulenzen auf der Sandbank lassen mich schon bald wieder zu Kräften kommen.

Weiter geht es über Artlenburg und Tespe nach Hohnstorf, das dem schleswig-holsteinischen Lauenburg direkt gegenüber liegt. Von hier aus ist es nicht mehr weit bis nach Laßrönne. Die Einfahrt zum Campingplatz übersehe ich wegen einer großen Straßenbaustelle in der Ortslage. Erst am Fähranleger Hoopte bemerke ich meinen Fehler. Ich mache kehrt und biege nach wenigen Kilometern in die Zufahrt zum etwas versteckt hinterm Deich liegenden Campingplatz Laßrönne ein. Das mehr oder weniger Schrebergartencharme ausstrahlende Terrain des Platzes ist zu 90 Prozent von Dauercampern besetzt, die ihre Wohnwagen in Reih und Glied aufgestellt haben. Man kennt sich untereinander, während ich als Fremder argwöhnisch beäugt werde. In der kleinen Kneipe des Campingplatzes lasse ich mir zum Abendbrot ein Bauernfrühstück und einige Apfelschorle servieren und schaffe es gerade noch mein Zelt aufzubauen, bevor ein mächtiges Gewitter niedergeht. Nachdem ich meinen Bruder Rainer per Handy zum Geburtstag gratuliert und ein paar Klamotten gewaschen habe, mache ich mich gegen 22 Uhr zur Nachtruhe fertig.

6. Tag, Freitag, 21. Juli

 

Laßrönne - Hoopte - Fünfhausen - Hamburg (78 km)
Der gestrige Regen hat nur wenig Abkühlung gebracht. Um Zelt und Wäsche halbwegs trocken einpacken zu können, lasse ich es am Vormittag recht gemächlich angehen. Erst gegen zehn Uhr bin ich auf der Piste und strampele die paar Kilometer bis zur Fähre Hoopte zum zweiten Mal herunter. Beim Lösen eines Tickets gibt sich der Fährmann als ein Landsmann aus Sachsen-Anhalt zu erkennen. Allerdings hat er schon vor 20 Jahren das heimatliche Egeln in Richtung Westen verlassen. Nach einem kleinen Frühstück am Anleger Zollenspieker geht es rechtselbisch durch Lütjenburg in Richtung Ochsenwerder weiter. Unterwegs lege ich eine Pause am Hohendeicher See, Hamburgs größten Badesee, ein und genieße das Baden in dessen himmlischen Wasser.

Nach einer Bratwurst und einer Cola am Strandkiosk wird es langsam ernst, denn vor mir liegt der gefürchtete Fahrrad-Transit durch Hamburg. Zunächst gelange ich aber problemlos über Moorfleet und das Sperrwerk Billwerder nach Rothenburgsort. Spätestens am Billhorner Röhrendamm macht sich Ratlosigkeit breit, weil der im bike-line-Handbuch beschriebene straßenbegleitende Radweg plötzlich linksseitig verläuft und von parkenden Autos völlig zugestellt ist. Zuerst muss aber die Billhorner Brückenstraße recht mühsam über zwei Treppen unterquert werden. Mit der bike-line-Karte auf der Lenkertasche komme ich von nun an gut im Großstadtgewusel voran und radle, vorbei an den Deichtorhallen und der Speicherstadt, auf die St. Pauli-Landungsbrücken zu.

Hier lädt der touristische Hochbetrieb nicht unbedingt zum längeren Verweilen ein und so setze ich nach einigen Fotos und einer gekühlten aber superteuren Büchse Sprite meine Tour längs der Elbe fort. Hinter dem Fischmarkt führt mich zunächst die Große Elbstraße nach Neumühlen. In Ovelgönne wird der Weg plötzlich zur Fußgängerzone, hier ist etwa ein Kilometer Schieben angesagt. Auf dem gut besuchten Elbuferweg und etwas beschwerlich befahrbaren Strandweg fahre ich am Falkensteiner Ufer immer in Flussnähe nach Blankenese. Die Tour bereitet mir bei dem herrlichen Wetter trotz der oftmals zugeparkten Radwege viel Freude. Wie groß ist indes meine Enttäuschung, als ich mein Tagesziel, den Campingplatz Blankenese, erreiche. Der Platz macht einen sehr verwahrlosten Eindruck, ebenso herunter gekommen sind die aus den 70ger Jahren stammenden, schrottreifen Sanitäranlagen. Dass die Stadt den Platz an einige umsatzorientierte junge Burschen verpachtet hat, fällt schon bei der unverschämten Campinggebühr von 10 Euro für Null Service plus 1 Euro für die vorsintflutliche Dusche unangenehm auf. Ohne Zweifel eine denkbar schlechte Werbung für eine Weltstadt wie Hamburg.

Nach einem Bad in der Elbe baue ich mein Zelt im knöcheltiefen Sand auf und beschließe, diesen ungastlichen Ort schnellstmöglich zu verlassen. Erwartungsgemäß hat der zum Campingplatz gehörende Kiosk einschließlich Gaststätte schon ab 18 Uhr geschlossen. Ich radle etwas stadteinwärts und spüle meinen Ärger an einem nahe gelegenen Strandkiosk mit zwei Flaschen Bier hinunter. Bis kurz vor Mitternacht liege ich noch am Elbufer, wo mit mir zahlreiche Hamburger am Lagerfeuer einen lauen Sommerabend verbringen.

7. Tag, Sonnabend, 22. Juli

 

Hamburg - Wedel - Kollmar (42 km)
Eigentlich ist für heute ein Ruhetag eingeplant, an dem ich einen Rundgang durch das schöne Blankenese machen wollte. Aber so schön auch Blankenese sein mag, die Bedingungen auf dem herunter gekommenen Campingplatz sind schlichtweg katastrophal. Auf den Toiletten ist kein Papier und aus der dreckigen Dusche grüßt der Fußpilz. So baue ich bereits am frühen Morgen mein Zelt ab und verlasse Hamburg ohne Frühstück, was auf dem schäbigen Campingplatz ohnehin nicht zu bekommen war. Die Fahrt verläuft immer längs am Deich und endet bereits nach kurzer Zeit in Wedel, weil mein Magen unüberhörbar nach einem Frühstück verlangt. Ein überaus leckeres Frühstück leiste ich mir an einer Bäckerei in der City. Danach versorge ich mich im Edeka-Markt mit frischem Obst und in der Sparkasse mit frischem Geld. So gestärkt geht es weiter. Das Wetter ist heute angenehm, ein leichter Gegenwind sorgt für wohltuende Kühlung und das Fahren artet fast zum Genussradeln aus. Bei der Fahrt durch die Haseldorfer Marsch ist am anderen Ufer Stade zu sehen.

Da liegt es doch nahe, mal schnell dort anzurufen, um meine Schwester Erika und Schwager Bernhard den augenblicklichen Standort und mein derzeitiges Wohlbefinden kundzutun. Dass Schwester und Schwager meine Tour nicht nur mit Interesse, sondern sogar mit dem Finger auf der Landkarte verfolgen, finde ich toll. Ebenso geben mir die häufigen Anfragen und gut gemeinten Hinweise von zuhause das gute Gefühl, nicht allein zu sein. Man radelt zwar allein auf der Piste, ist es aber in gewisser Weise doch nicht. Prima.
Nachdem ich die Sperrwerke von Pinnau und Krückau problemlos überqueren kann, erreiche ich Kollmar und checke gegen 14 Uhr auf dem dortigen Campingplatz ein. Wie man hier von den Campingplatzinhabern, Johannes und Helga von Drahten, empfangen und betreut wird, ist einfach super. Dem liebevollen und umsichtigen Service steht die vortreffliche Ausstattung des gepflegten Platzes unmittelbar hinterm Deich in keiner Weise nach.

Schnell ist ein geeigneter Platz für mein Zelt gefunden und ebenso schnell komme ich mit meinen Nachbarn ins Gespräch. Bernhard kommt aus Wien und ist mit einer schweren BMW und einem leichten Zelt auf Nordlandtour. Nicht weit von uns hat Herr Winter, ein Radler aus Göttingen sein Zelt aufgebaut, den es vom Weserradweg kommend, nach hier oben verschlagen hat. Mit dem Österreicher und dem pensionierten Göttinger Zahntechniker verbringe ich einen angenehmen Abend in einer kleinen Gaststätte, die uns von Johannes von Drahten wärmstens empfohlenen wurde. Gegen 22 Uhr rufe ich noch mal zuhause an und haue mich dann aufs Ohr.

8. Tag, Sonntag, 23. Juli

 

Ruhetag in Kollmar
Was macht ein Radler an einem Ruhetag? Na, das ist doch klar: er unternimmt eine Spritztour auf seinem Drahtesel in die nähere Umgebung. Den Tipp für eine interessante Tour durch das Hinterland bekomme ich von Helga von Drahten. Zuerst radle ich durch die Marsch nach Uetersen und verbringe ein paar erholsame Stunden im örtlichen Rosarium, das eines der umfangreichsten Rosenzüchtungen Europas zu bieten haben soll. Die Stadt selbst haut mich nicht vom Hocker und macht zur sonntäglichen Mittagszeit eher einen verschlafenen Eindruck. Bei Kronsnest überquere ich mit einer Mini-Fähre nochmals die Krückau und fahre auf wunderschönen Radwegen durch die Marsch wieder auf Kollmar zu.

Den Nachmittag verbringe ich auf dem Campingplatz und halte vor meinem Zelt ein ausgiebiges Nickerchen. Inzwischen hat sich auch die Sonne wieder sehen lassen, was mich am Abend zu einem Ausflug zum Hafen von Kollmar ermutigt. Obwohl am örtlichen Schiffsanleger schon seit Jahren kein Schiff mehr festmacht, herrscht hier ein emsiges Treiben, so dass die Zeit bis zum Abendbrot wie im Flug vergeht. Wieder zurück im Camp klöne ich noch eine halbe Stunde mit Helga und Johannes von Drahten. Dem kurzweiligen Gespräch folgt ein ausgiebiges Duschbad. Dann mache ich mich an die wieder mal fällige "große Wäsche" meiner Klamotten. Den erholsamen Ruhetag lasse ich auf dem Deich bei einigen Flaschen gut gekühltem Bier ausklingen, die mir Johannes fürsorglich bereitgestellt hat. Ich aktualisiere meine Reisenotizen und bin mit mir und der Welt restlos zufrieden.
Nun bin ich schon eine Woche unterwegs, habe sehr viel gesehen und dabei viele nette Leute kennen gelernt. Körper, Geist und Seele befinden sich nach der hinter mir liegenden Tour in optimalem Zustand, so dass ich meine Reise mit allen Anzeichen innerer und äußerer Freude morgen nach Brunsbüttel fortsetzen werde. Das Leben ist schön.

9. Tag, Montag, 24. Juli

Kollmar - Glückstadt - Brunsbüttel (36 km)
Bereits um 6.30 Uhr klingelt mein Handy und ich werde, wie fast an jedem Morgen, von Petra mit einem aufmunternden "guten Morgen" geweckt. Danach beginne ich mit dem Abbau meines Zeltes und dem längst routinemäßigen Bepacken meines Fahrrades. Ausgeruht und bester Laune geht es weiter gen Norden - immer auf dem Deich und immer häufiger von dem blökenden "Mäh" zahlreicher Schafe begrüßt, ziehe ich meine Bahn. Mit Gelassenheit überwinde ich dabei die zahlreichen Hindernisse, die nun schon seit Wedel alle paar Kilometer meine Fahrt unterbrechen: Absteigen, Schafgatter auf, Schafgatter zu und weiter bis zum nächsten Gatter. Das ist der Rhythmus, an den man sich gewöhnen muss, wenn man auf diesem Teil des Elberadweges unterwegs ist.

Gegen zehn Uhr, also zur besten Frühstückszeit, erreiche ich Glückstadt und lande hinsichtlich einer gesuchten Frühstücksgelegenheit einen Volltreffer. Dieser Volltreffer hat einen Namen und heißt Wilhelm Mertz. Herr Mertz ist seines Zeichens pensionierter Bäckermeister, der sich freundlich und überaus interessiert nach meinem Woher und Wohin erkundigt. Schnell kommen wir vor seiner früheren Arbeitsstätte, die er unlängst seinem Sohn übergeben hat, bei einem Baguette und einem Pott Kaffee ins Gespräch.
Der Bäckermeister i. R. lässt mich erst weiter ziehen, nachdem er aus seinem Laden nochmals zwei Butter-Croissants und einen großen Pott Kaffee für mich geordert hat. Und während ich die beiden Croissants genüsslich verspeise, erzählt der gute Mann von seinen Kriegserlebnissen, die ihn sogar bis nach Dessau geführt haben sollen. Unsere herzliche Bekanntschaft besiegelt er abschließend, in dem er mir zum Abschied noch eine große Tüte mit leckerem Kuchen aus der Fleth-Bäckerei zusteckt. Nach dieser netten Begegnung bummele ich noch ein wenig durch die Stadt und leiste mir im Edeka-Markt ein Mittagbrot: Erdbeeren, Ananas und Buttermilch - alles aus dem Kühlregal.

Am Fährhafen beobachte ich Ankunft und Abfahrt der Fähre nach Wischhafen und setze dann meine Fahrt rechtselbisch in Richtung Brunsbüttel fort. Die Sonne knallt mächtig vom Himmel und so kommt mir eine hinter Weiden versteckte Badestelle kurz vor Brokdorf gerade recht. Das Baden in der Elbe ist herrlich, aber bei Hochwasser wegen der Strömung nicht ungefährlich. Zumindest klärt mich darüber eine attraktive Dame mit Hündchen im mittleren Alter (die Dame natürlich) auf. Die gute Frau lässt sich mit dem Hinweis neben mir nieder, dass hier ihr Lieblingsbadeplatz sei. Ich bleibe trotzdem und darf erleben, wie sich alsbald Elvis samt Herrchen zu uns gesellt. Elvis ist ein langhaariger schwarzer Schäferhundrüde, der von der Hundedame angelockt wird. Das flotte Julchen kann dem intensiven Werben des stattlichen Rüden kaum widerstehen. Nur das entschlossene Eingreifen der besorgten Besitzerin verhindert Schlimmeres. Bevor ich mich von meiner illustren Badegesellschaft verabschiede und weiterfahre, lasse ich mir den köstlichen Kuchen vom Fleth-Bäcker schmecken. Der enttäuschte Elvis bekommt auch ein Stück.

Vorbei am KKW Brokdorf führt mein Weg nun durch die Wilsterdorfer Marsch. Schon von weitem ist rechterhand die Hochbrücke bei Brunsbüttel über den Nord-Ostseekanal zu erkennen. Die Stadt selbst erreiche ich gegen 17 Uhr und komme nach der kostenlosen Fährpassage über den Nord-Ostseekanal wohlbehalten auf dem Campingplatz an. Vorher erkundige ich mich am Hafen nach der Abfahrtszeit der „Nordstern“, mit der ich morgen nach Cuxhaven rüber schippern werde. Der kleine Campingplatz ist überraschend gut besucht, zumindest hat der Platzinhaber Mühe, die vielen Übernachtungsgäste unterzubringen. So stehen die Wohnmobile und kleinen Zelte dicht und dicht. Während die meisten Radler ihre Tour auf dem Nordseeküsten-Radweg (North Sea Cycle Route) fortsetzen, bin ich scheinbar der einzige, der per Schiff nach Cuxhaven fährt. Der Abend verläuft in Gesellschaft eines Radler-Ehepaares mit Tochter aus dem sächsischen Chemnitz bei Rotwein, Bier und Knabberkram recht kurzweilig.

10. Tag, Dienstag, 25. Juli

 

Brunsbüttel - Cuxhaven
Um bereits eine Stunde vor Abfahrt der "Nordstern" am Hafen zu sein, muss ich heute besonders früh aus meinem Schlafsack krabbeln. Ich stehe bereits kurz nach fünf Uhr auf und freue mich riesig über einen großen Pott Kaffee, der mir von meinem Zeltnachbarn angeboten wird. Der Auto-Camper aus Nordrhein-Westfalen ist extra meinetwegen so früh aufgestanden. Und während in den Zelten ringsum noch unüberhörbar geschnarcht wird, lasse ich mir den köstlichen Kaffee und den Kuchenrest vom Fleth-Bäcker schmecken. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an meinen netten Nachbarn aus dem Westfälischen und an Bäcker Mertz aus Glückstadt für Gesten, die in dieser Zeit gewiss nicht mehr alltäglich sind.

Erstmals auf meiner Tour muss ich mein vom Morgentau durchnässtes Zelt klitschnass einpacken. Ich mache noch ein paar Fotos und schwinge mich dann guter Dinge auf mein Bike. In etwa 15 Minuten düse ich zum Hafen hinunter, wo kurz nach 7 Uhr das Einchecken auf der "Nordstern" beginnt. Das Erscheinen eine Stunde vor Abfahrt scheint schon aus dem Grund ratsam zu sein, weil der Dampfer ziemlich voll wird und nur zweimal am Tag (und in der Woche) von Brunsbüttel nach Cuxhaven fährt. Ich sichere mir ein schönes Plätzchen auf dem Sonnendeck und verfolge das pünktliche Ablegemanöver und das 30minütige Schleusen vom Nord-Ostseekanal in die Elbe.
Während der zweistündigen Fahrt elbabwärts lerne ich Joachim (58) aus Duhnen kennen, der nach einer Radtour durch Schleswig-Holstein auf Heimatkurs ist. Wir teilen uns einen Tisch auf dem Sonnendeck, tauschen unsere Radlererfahrungen aus und lassen uns gemeinsam ein preiswertes Bordfrühstück schmecken. Bald ist backbord voraus Cuxhaven zu erkennen. Nachdem unser Schiff an der "Alten Liebe" festgemacht hat, radle ich gemütlich die etwa vier Kilometer längs der Elbe bis zur Kugelbake hinauf. In Sichtweite des hölzernen See- und Wahrzeichen von Cuxhaven bin ich eigentlich am Ziel meiner Reise. "Meine" Elbe, deren Lauf ich mit einigen kleinen Abstechern über 500 Kilometer begleitet habe, ist hier zu Ende und mündet in einer gigantischen Breite von fast 10 km in die Nordsee.

Recht schnell finde ich in Duhnen den Zeltplatz "Wattenlöper". Der Platz ist rappelvoll und nur mit Mühe finde ich trotz vorheriger Reservierung noch ein kleines Plätzchen für mein Zelt. Nach dem Zeltaufbau zieht es mich unwiderstehlich ans Wasser. Angesichts der Tatsache das selbiges nicht ständig da ist, bin ich froh, die Nordsee bei Flut zu erleben. Auch wenn man dafür erstmal die obligatorische Kurtaxe von 2,80 Euro berappen muss. Das Badevergnügen selbst hält sich in Grenzen. Wegen der geringen Wassertiefe ist an Schwimmen kaum zu denken. Stattdessen lasse ich mir, faul am Strand liegend, die Sonne auf den Pelz scheinen und bin gegen 17.30 Uhr wieder an meinem Zelt. Hier lese ich auf einem an mein Zelt gepinnten Zettel: "Bitte in der Camping-Information melden.

Dort teilt man mir mit, dass ich mein Zelt auf reservierten Parkplätzen aufgebaut habe, worüber sich zwei Dauercamper-Damen beschwert hätten. Als die beiden Damen erfahren, dass ich nur für eine Nacht gebucht habe, ziehen sie ihre Beschwerde zurück. Trotzdem ziehe ich auf einen im Lauf des Tages frei gewordenen Platz um. Bei meinem abendlichen Bummel auf der Promenade erblicke ich zufällig noch einmal meine beiden Dauercamperinnen vom Nachmittag. Scheinbar in Ermangelung tanzfreudiger Herren legen sie miteinander beim Ball der einsamen Herzen eine kesse Sohle aufs Parkett. Sie bedauern nochmals, mich von meinem Platz verdrängt zu haben und schweben im Dreivierteltakt davon. Den Rest des Abends verbringe ich bei Siegfried aus Esperke, der auf dem Campingplatz „Wattenlöper“ Dauercamper ist.

11. Tag, Mittwoch, 26. Juli

 

Cuxhaven - Freiburg - Drochtersen - Stade (94 km)
Trotz des schönen Wetters machen mir der proppenvolle Campingplatz und der emsige Kurbetrieb in den Nordseebädern den Abschied von Cuxhaven leicht. Nach dem Frühstück am Campingplatz-Kiosk und einer Tasse Kaffee bei Siegfried breche ich auf. Allerdings ist es gar nicht so einfach, in Cuxhaven den Elberadweg in Richtung Hamburg zu finden. Zumindest weist weit und breit kein Schild auf den Beginn oder den Verlauf des Radweges hin. Ohne Zweifel ein Versäumnis, das von den Stadtvätern schon wegen der zunehmenden Beliebtheit des Elberadweges schnellstmöglich abgestellt werden sollte. Nur gut, dass ich mich in Cuxhaven einigermaßen auskenne. So umfahre ich einige Hafenbecken, halte mich immer so weit wie möglich in Elbnähe auf und erreiche mehr oder weniger instinktiv den Deich und den gesuchten Radweg.

Vor mir liegt mit 94 km bis Stade die letzte und längste Etappe meiner Tour. Bis Otterndorf verläuft der Radweg unmittelbar an der Elbe mit einem herrlichen Blick auf den Fluss. Danach fahre ich ein kurzes Stück am parallel zur Elbe verlaufenden Schifffahrtsweg Elbe-Weser entlang und überquere bei Neuhaus das Oste-Sperrwerk. Hier lädt das Naturkundemuseum "Natureum" alle, die es nicht kennen, zum längeren Verweilen ein. Ich kenne es schon und trete bei hochsommerlichen Temperaturen von 36 Grad und leichtem Rückenwind munter in die Pedale. Nach etwa vierzig gestrampelten Kilometern bin ich froh, mich im unmittelbar hinter dem Außendeich gelegenen Naturfreibad von Krummendeich abkühlen und erholen zu können. Bei Wischhafen muss ich einen Umweg von ca. zehn Kilometern in Kauf nehmen, weil das Sperrwerk über die Wischhafener Süderelbe nur am Wochenende geöffnet ist.

Weiter durch das schöne Kehdinger Land radelnd erreiche ich über Freiburg, Drochtersen und Bützfleth gegen 17 Uhr vertrautes Terrain. Die alte Salzstadt Stade ist erreicht und damit das Ziel meiner Radtour auf dem Elberadweg. In der Wilhelm-Raabe-Straße werde ich von meiner Schwester Erika und Schwager Bernhard herzlich begrüßt und nach dieser strapaziösen Hitze-Etappe mit herrlich gekühlten Getränken verwöhnt. Nach einem opulenten Abendbrot gibt es bis kurz vor Mitternacht viel zu erzählen. Es ist einfach himmlisch, sich nach zehn Nächten im Schlafsack wieder einmal in einem frisch bezogenen Bett schlafen zu können. Danke.

12. Tag, Donnerstag, 27. Juli

 

Ruhetag in Stade
Am heutigen Ruhetag bin ich mit meinem Bruder Rainer verabredet, der am Vormittag mit dem Zug aus Hamburg nach Stade kommt. Wir bummeln durch die schöne Altstadt zum Hafen, legen an einem Brunnen am Pferdemarkt eine Pause ein und lassen uns einen im Karstadt-Kaufhaus erstandenen Imbiss schmecken. Während Rainer am Nachmittag wieder nach Hamburg zurück fährt, wartet im Garten in der Wilhelm-Raabe-Straße eine liebevoll gedeckte Kaffeetafel auf mich. Auch Frau Wolf, die Nachbarin meiner Gastgeber, ist zum Kaffeetrinken zu Gast.
Am späten Abend fahren Bernhard und ich noch einmal mit dem Auto nach Twielenfleth an die Elbe. Beim Blick auf das ruhig dahin fließende Wasser kann ich mich in aller Stille von „meiner“ Elbe verabschieden.

13. Tag, Freitag, den 28. Juli

 

Stade - Harburg - Uelzen - Magdeburg - Oschersleben
Nach den zwölf erlebnisreichen Tagen auf dem Elberadweg heißt es heute endgültig Abschied zu nehmen. Zunächst von Schwester und Schwager, die mich in Stade zum Zug bringen. Danach von Bruder Rainer, der in Harburg zusteigt und mich bis Uelzen bringt.
Die Heimfahrt mit der Bundesbahn verläuft bis auf die zwar gebuchte aber nicht berücksichtige Reservierung eines Platzes für mein Fahrrad im Regionalexpress (Metronom) von Harburg nach Uelzen ohne Probleme. Die Fahrt über Stendal und Magdeburg vergeht wie im Flug und schon kurz nach 15 Uhr rollt der Harz-Elbe-Express in Oschersleben ein.
Ich bin wieder zuhause. Gut erholt, blessur- und pannenfrei habe ich zwei wunderschöne Wochen erleben dürfen.

Nach meiner Rückkehr geht es mir so wie vielleicht vielen Menschen, die den Elberadweg einmal bereist haben: Ich werden wieder kommen! Vorsorglich habe ich mir unlängst das bikeline-Radtourenbuch über den Elberadweg von Prag nach Magdeburg aus dem Verlag Esterbauer besorgt....
Mal sehen, wie der Sommer im nächsten Jahr wird - aber das ist eine andere Geschichte.